Im Miozän vor 25 bis rund fünf Millionen Jahren war Südamerika eine Insel: Die Landbrücke zu Nordamerika existierte noch nicht und große Teile des nördlichen Südamerikas waren von einem riesigen, flachen See bedeckt. An seinen Ufern entwickelte sich eine einzigartige – und riesenhafte – Tierwelt: Es gab Nagetiere von der Größe einer Kuh, fleischfressende Terrorvögel, 3,50 Meter große Riesenschildkröten und Krokodile, die bis zu zehn Meter lang wurden.
La Venta – Ort der Riesen
Eines der wichtigsten Zeugnisse für diese „Welt der Riesen“ ist die La-Venta-Fundstätte im Südwesten Kolumbiens. Dort haben Paläontologen Fossilien von 156 verschiedenen Wirbeltierarten aus der Zeit vor zehn bis 15 Millionen Jahren gefunden. Darunter sind neun verschiedene Krokodilarten – größtenteils Verwandte der heutigen Kaimane und Gaviale. Bisher war jedoch strittig, welche Rolle diese urzeitlichen Riesenkrokodile in ihrem Lebensraum spielten: Waren sie vorwiegend Aasfresser oder jagten sie aktiv Beute? Und wenn ja, welche?
Eine Antwort darauf könnten Oscar Wilson von der Universität Helsinki und seine Kollegen nun gefunden haben. „Wir beschreiben vier Fossilien aus der La-Venta-Fundstätte, die erstmals physische Belege für die Jagd dieser Krokodile auf große Pflanzenfresser liefern“, berichten die Paläontologen. Bei den Fossilien handelt es sich um Schädelteile und Kieferfragmente von drei großen, eine bis knapp zwei Tonnen wiegenden Huftierarten, die einst im Uferbereich des Urzeitsees nach Pflanzennahrung suchten.

Schädel des im Miozän im nördlichen Südamerika verbreiteten Pflanzenfressers Pericotoxodon platignathus. — © Oscar Wilson
Bissspuren eines Riesenkrokodils
Das Besondere jedoch: Die Knochen dieser massigen Pflanzenfresser wiesen deutliche, bis zu 2,5 Zentimeter große Bissspuren auf. Diese waren rundlich, tief eingekerbt und traten oft in Reihen auf. Teilweise waren auf beiden Seiten der Knochen Zahnspuren zu erkennen. „Tiefe runde Spuren wie diese deuten auf extreme Bisskraft und abgerundete Zähne hin, wie sie heute noch bei modernen Krokodilen vorkommen“, schreiben Wilson und seine Kollegen.
Als wahrscheinlichsten Urheber der Bissspuren identifizieren die Paläontologen Purussaurus neivensis, einen Verwandten der heutigen Kaimane. Diese Urzeit-Krokodile wurden bis zu sieben Meter lang und besaßen einen U-förmigen Kiefer mit spitzen Vorderzähnen und runderen hinteren Zähnen. Damit konnten sie selbst große Beute festhalten und zerteilen. „Purussaurus gilt als Makro-Generalist – als Prädator, der selbst Beute mit größerer Körpermasse als er selbst erlegte“, erklärt das Team.
Kopfbisse und enorme Kieferkraft
Die Jagdstrategie der urzeitlichen Riesenkrokodile könnte der von heutigen Salzwasserkrokodilen sehr ähnlich gewesen sein: „Auch moderne Salzwasserkrokodile hinterlassen oft Bissspuren am Schädel, wenn sie ihre Beute fangen und töten“, berichten Wilson und seine Kollegen. Die Krokodile packen ihre Beute meist erst am Kopf, bevor sie sie ins Wasser ziehen, töten und zerreißen. „In Bezug auf seine Lauerjagd und das auf den Kopf fokussierte Töten der Beute ähnelte Purussaurus zwar den größten heutigen Krokodilen. Aber die von ihm erlegte Beute war viel größer“, erklären die Forschenden.
Purussaurus besaß zudem weit kräftigere Kiefer als seine modernen Nachfolger, wie die tief eingekerbten Zahnspuren und teils zersplitterten Knochen der Fossilien verraten: „Die Kraft pro Zahn lag bei mehr als 40.000 Newton, in einigen Fällen sogar bei knapp 70.000 Newton“, berichten die Paläontologen. Das sei deutlich höher als die maximalen 34.400 Newton, die man bei modernen Salzwasserkrokodilen gemessen habe.
Top-Prädatoren ihres Lebensraums?
Nach Ansicht der Paläontologen legen die von ihnen identifizierten Bisspuren damit nahe, dass die südamerikanischen Riesenkrokodile keine bloßen Aasfresser waren, sondern selbst große Säugetiere als Beute jagten und töteten. Purussaurus und weitere Krokodilsarten seiner Zeit könnten sogar die Top-Prädatoren ihrer Lebensräume gewesen sein. „Unsere Studie zeigt, dass diese Krokodile die wichtigsten Raubtiere dieser Region waren, vor allem, wenn es um große Beute geht“, sagt Wilson.
Ähnlich wie heutige Krokodile könnten die Riesenkrokodile des Miozän auch eine wichtige Rolle für den Nährstoffkreislauf ihrer Lebensräume gespielt haben. Denn indem sie Landtiere töten und deren Kadaver ins Wasser ziehen, tragen sie zum Eintrag von Nährstoffen in Seen und Flüsse bei.
Quelle: Oscar Wilson (University of Helsinki) et al., 2026; doi: 10.1080/02724634.2026.2701154





