Spätestens seit dem Kinofilm “Rain Man” oder Serien wie “The Good Doctor” ist das Phänomen der autistischen Entwicklungsstörung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Typischerweise haben die Betroffenen Schwierigkeiten damit, soziale Interaktionen einzugehen und zu verstehen. Sie meiden Blickkontakt und Berührungen und reagieren häufig überempfindlich auf Sinnesreize. Kinder mit Autismus zeigen zudem oft sich wiederholende Verhaltensmuster. In der Regel machen sich die typischen Symptome einer autistischen Störung im Alter von einem bis drei Jahren bemerkbar, einige Frühzeichen können sich aber schon bei Säuglingen in Hirnscans zeigen. Was allerdings diese Entwicklungsstörung auslöst, ist bislang weitgehend unbekannt. So könnten vorgeburtliche Umwelteinflüsse eine Rolle spielen, gleichzeitig sind mehrere Risikogene für Autismus bekannt.
Risikogene im Visier
Unklar war bislang auch, warum Jungen häufiger von einer autistischen Störung betroffen sind als Mädchen. “Autismus kommt bei Jungen viermal häufiger vor, das Asperger-Syndrom sogar elfmal häufiger”, erklären Simone Berkel und ihre Kollegen vom Universitätsklinikum Heidelberg und ihre Kollegen. Sie hegen schon länger den Verdacht, dass ein geschlechtsspezifischer Hormoneinfluss auf bestimmte Gene hinter dieser ungleichen Verteilung der Entwicklungsstörung stecken könnte. Um das zu überprüfen, haben sich die Forscher nun eine bestimmte Gruppe von Risikogenen näher angeschaut, die sogenannten SHANK-Gene. Defekte in diesen Abschnitten der Erbinformation spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Autismus und anderen psychischen Erkrankungen, wie sie erklären.
Für ihre Studie untersuchten die Forscher die Wirkung des männlichen Geschlechtshormons Testosteron auf Zellkulturen aus kindlichen Hirntumoren – diese dienten als Modell für sich entwickelnde Nervenzellen beim Ungeborenen. Es zeigte sich: Durch die Zugabe von Testosteron wurden die SHANK-Gene überproportional stark aktiviert, ihre Expression stieg um 35 Prozent. Diese Beobachtung wurde durch ergänzende Versuche mit Mäusen bestätigt: Bei männlichen Jungtieren, die von Natur aus mehr Testosteron in Blut und Gehirn haben, waren die SHANK-Gene ebenfalls deutlich aktiver – was sich unter anderem an einer vermehrten Produktion der Shank-Proteine zeigte.
Mehr “Durchschlagskraft” bei Jungen
Nähere Analysen enthüllten, dass diese Aktivierung der SHANK-Gene dadurch geschieht, dass das Geschlechtshormon an spezielle Hormonrezeptoren auf der Zelloberfläche andockt. Wurde dieser Rezeptor dagegen blockiert, entfiel die starke Aktivierung der Risiko-Gene: “Das konnten wir bei Untersuchungen an jungen Mäusen, bei denen dieser Androgen-Rezeptor nicht gebildet wird, bestätigen: Bei ihnen wurden diese Gene deutlich schwächer aktiviert als bei Kontroll-Tieren mit intakten Rezeptoren”, berichtet Berkel. Das belegt, dass tatsächlich der spezifische Effekt des Geschlechtshormons Testosteron für die Aktivierung der SHANK-Risikogene verantwortlich ist.





