Welche Rolle spielen die Geschlechtshormone?
Diese Ungleichverteilung des Asthmarisikos und sein zeitliches Muster legen nahe, dass die Geschlechtshormone dafür eine Rolle spielen könnten. Denn auch ihr Einfluss erhöht sich mit der Pubertät und nimmt in höherem Alter wieder ab. Unklar war jedoch bisher, ob die höhere Asthmarate bei Frauen daran liegt, dass die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron die Asthmaanfälligkeit erhöhen oder ob der geringere Anteil des männlichen Hormons Testosteron daran schuld ist.
Um das zu klären, haben Newcomb und ihre Kollegen einen bestimmten Biomarker der Asthmaerkrankung und dessen Reaktion auf verschiedenen Sexualhormone näher untersucht. Es handelt sich dabei um die sogenannten ILC2-Zellen – Abwehrzellen, die in der Lunge vorkommen und dort bei Asthma besonders zahlreich produziert werden. Diese Zellen setzen Entzündungsbotenstoffe frei, die unter anderem die Schleimproduktion anregen und dadurch die Atemnot verstärken. “Studien zeigen, dass ILC2-Zellen eine wichtige Rolle für die Auslösung allergischer Reaktionen spielen, darunter auch für die allergischen Entzündungen der Atemwege bei Asthma”, so die Forscher. Für ihre Studie verglichen die Wissenschaftler zunächst die Zahl der ILC2-Zellen in den Lungen von weiblichen und männlichen Asthmapatienten. Dafür entnahmen sie sowohl gesunden als auch kranken Frauen und Männer Blutproben und analysierten sie. Das Ergebnis bestätigte: “Bei sonst gleichem Befinden haben Männer mit Asthma weniger ILC2-Zellen als Frauen”, berichten Newcomb und ihre Kollegen.
Testosteron als Schutzhormon
Als nächstes testeten die Forscher, wie ILC2-Zellen von Mäusen auf die Zugabe verschiedener Sexualhormone reagierten. Dafür gaben sie zu Zellkulturen von Lungenzellen entweder Östrogen, Progesteron oder Testosteron dazu. Das überraschende Ergebnis: Die Anwesenheit der weiblichen Geschlechtshormone hatte kaum einen Effekt auf die ILC2-Zellen. Anders jedoch beim männlichen Geschlechtshormon: Das Testosteron hemmte die Vermehrung der ILC2-Zellen in der Kultur, wie die Wissenschaftler beobachteten. Gleichzeitig produzierten die vorhandenen ILC2-Zellen weniger Entzündungsbotenstoffe. “Als wir mit dieser Studie begonnen haben, dachten wir wirklich, dass die Eierstock-Hormone die Entzündung verstärken – und dass dieser Effekt stärker sein würde als die hemmende Wirkung des Testosterons”, sagt Newcomb.
Doch es ist genau umgekehrt: Das Testosteron ist der entscheidende Faktor bei der Geschlechterungleichheit von Asthma. Das männliche Sexualhormon schützt Männer offenbar in gewissem Maße vor einer Überaktivierung der ILC2-Zellen und damit auch vor der allergischen Entzündungsreaktion. Dieser Effekt bestätigte sich auch in Tierversuchen mit Mäusen: Wurden männliche Mäusejunge mit Asthmaneigung kastriert und damit eines Teils ihrer Testosteronproduktion beraubt, stieg die Zahl ihrer ILC2-Zellen in der Lunge deutlich stärker an als bei unkastrierten Mäusemännchen, wie die Forscher berichten. Kamen diese Mäuse dann in Kontakt mit einem Asthmaauslöser, reagierten die Mäuse mit normalem Testosterongehalt deutlich schwächer und zeigten weniger starke Entzündungszeichen.





