Wenn wir heute an Faultiere denken, kommen uns üblicherweise kleine Baumbewohner in den Sinn, die den größten Teil ihres Lebens an Ästen in den tropischen Regenwäldern Süd- und Mittelamerikas hängen, einen extrem langsamen Stoffwechsel haben und sich kaum bewegen. „Im Gegensatz dazu belegen Fossilien, dass es einst zahlreiche mittelgroße bis riesige Gattungen gab, die geografisch weit verbreitet und vollständig an die Fortbewegung auf dem Boden angepasst waren“, berichtet ein Team um Alberto Boscaini von der Universität Buenos Aires in Argentinien. „Außerdem waren sie wendiger und hatten eine höhere Stoffwechselrate als heute lebende Faultiere.“

Vielfältige Tiergruppe
Anhand von Fossilien, DNA-Analysen und Evolutionsmodellen haben Boscaini und sein Team die rund 35 Millionen lange Evolutionsgeschichte der Faultiere rekonstruiert. Dabei stützten sie sich auf Informationen zur Größe, Ernährung und Lebensweise von 67 Faultier-Gattungen, die in weiten Teilen Nord-, Mittel- und Südamerikas vorkamen. Auf diese Weise vollzogen sie nach, wie sich die Faultiere diversifizierten, an unterschiedliche ökologische Nischen anpassten und unter anderem riesige Arten mit einer Masse von mehreren Tonnen hervorbrachten.
Das Team fand heraus: „Der gemeinsame Vorfahre aller Faultiere wog wahrscheinlich zwischen 70 und 350 Kilogramm und lebte auf dem Boden“, erklären die Forschenden. Von diesem Ur-Faultier gingen drei Abstammungslinien aus, die sich vor allem durch ihren bevorzugten Lebensraum unterschieden: Boden, Bäume oder beides. „Bei Linien, die sich ganz oder teilweise an das Leben auf Bäumen angepasst haben, ist eine abnehmende Körpergröße zu beobachten“, berichten Boscaini und sein Team. „Die terrestrische Lebensweise ging dagegen typischerweise mit einer Zunahme der Größe einher, wobei sich Gigantismus mit Körpergewichten von mehr als einer Tonne dreimal unabhängig voneinander entwickelt hat.“
Während die ersten Faultiere wahrscheinlich in offenen Landschaften weideten, passten sie sich im Laufe der Evolution an ganz unterschiedliche Gegebenheiten an: „Seit dem Miozän vor rund 23 Millionen Jahren haben Faultiere ihr Verbreitungsgebiet auf die entlegensten Gebiete und Ökosysteme Amerikas ausgedehnt“, berichten die Forschenden. „Sie erreichten beispielsweise den karibischen Archipel, hochgelegene Gebiete der Anden, die südlichen Breiten von Feuerland und die nördlichen Breiten Nordamerikas. Zu ihrem Verhaltensrepertoire gehörten das Graben, Klettern und die Erkundung von Meeresgebieten.“





