Die Stummelärmchen von Tyrannosaurus rex, Allosaurus und anderen großen Raubdinosauriern der Kreidezeit sind ein bis heute rätselhaftes Phänomen. Die Arme einiger dieser Fleischfresser waren so kurz, dass die Tiere damit nicht einmal mehr ihre eigene Schnauze erreichen konnten. Das wirft die Frage auf, warum gleich mehrere Theropoden-Linien eine so extreme Verkürzung ihrer Vordergliedmaßen entwickelten – aber nicht alle großen Raubdinosaurier.
Was trieb die Armverkürzung an?
Auf der Suche nach einer Erklärung haben nun Paläontologen um Charlie Scherer vom University College London die Verwandtschaftsverhältnisse, Vordergliedmaßen, Köpfe und Körpergrößen von 85 Raubdinosauriern aus verschiedenen Stammeslinien und Zeiten noch einmal genauer untersucht. „Wir wollten verstehen, was diese Armverkürzung antrieb“, sagt Scherer. Denn bisher gibt es dazu zwar viele Hypothesen, eine eindeutige Erklärung fehlt jedoch.
Besonderes Augenmerk legten die Paläontologen bei ihren Analysen auf das Verhältnis der Armlänge zur Größe und Robustheit des Schädels. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Raubdinosaurier zuerst ihre kräftigen, robusten Schädel entwickelten, bevor sich ihre Vordergliedmaßen verkürzten“, erklärt Co-Autorin Elizabeth Steell von der Cambridge University. Deshalb vermuteten die Paläontologen hier einen Zusammenhang.
Paralleler Trend bei fünf verschiedenen Raubsauriergruppen
Tatsächlich zeigten sich auffällige Korrelationen: „Wir haben einen engen Zusammenhang zwischen verkürzten Armen und großen, robusten Schädeln gefunden“, berichtet Scherer. Bei Fleischfressern mit hoher Bisskraft und mächtigen Köpfen waren die Vordergliedmaßen besonders stark reduziert. Am extremsten zeigte sich dieser Zusammenhang beim Tyrannosaurus rex, dicht gefolgt vom Tyrannotitan, einem 30 Millionen Jahre vor T. rex im Süden Südamerikas vorkommenden Raubdinosaurier.

Diesen Trend zu immer größeren, robusteren Schädeln und kleineren Armen identifizierten die Forschenden in fünf verschiedenen Stammeslinien der Theropoden. Einige dieser Raubsaurier, wie die Abelisauriden, verkürzten dabei vor allem ihre Hand- und Fingerknochen überproportional stark. Bei Tyrannosauriern schrumpften dagegen alle Teile der Vordergliedmaßen gleichermaßen. Den Analysen zufolge müssen die Theropodengruppen ihre Stummelarme demnach unabhängig voneinander entwickelt haben.
„Das legt nahe, dass dieser Trend durch ähnliche ökologische und evolutionäre Umstände gefördert wurde“, konstatieren Scherer und seine Kollegen.
War die Größe der Beute entscheidend?
Doch welche Treiber waren dies? Auch darauf lieferten die Vergleichsanalysen neue Anhaltspunkte. Denn Stummelarm-Träger wie Tyrannosaurus rex, Carnotaurus, Meraxes oder Tyrannotitan hatten eine Gemeinsamkeit: Sie jagten und fraßen besonders große Beute. „Das gemeinsame Vorkommen von riesenhaften Theropoden und gigantischen Pflanzenfressern deutet auf ein evolutionäres Wettrüsten zwischen Räubern und Beute hin“, erklären die Paläontologen.
Weil ihre Beute immer größer wurde, mussten sich die Raubdinosaurier anpassen. Sie wurden ebenfalls größer und entwickelten immer robustere, kräftigere Schädel, um ihre massige, große Beute packen und totbeißen zu können. „Einen 30 Meter langen Sauropoden mit den Klauen festhalten zu wollen, ist nicht wirklich ideal“, sagt Scherer. „Es war vermutlich weitaus effektiver, diese Beute mit Zähnen und Kiefern anzugreifen und festzuhalten.“ Eine ähnliche Taktik nutzen heute Krokodile und einige große Raubkatzen.
Von der Evolution „wegrationalisiert“
Diese Anpassung hatte jedoch weitere Konsequenzen: Weil sich die großen Raubsaurier bei der Beutejagd immer stärker auf ihre mächtigen Schädel und Gebisse verließen, wurden ihre Vordergliedmaßen zunehmend unwichtig. „Das ist ein Fall von ‚Use it or lose it’: Die Arme waren nicht länger nützlich und wurden daher im Laufe der Zeit immer mehr reduziert“, erklärt Scherer. Dazu passt, dass Raubdinosaurier, die vorwiegend kleinere Beutetiere jagten oder Fische fingen, längere Vorderbeine behielten.
Die Stummelärmchen von T. rex und Co waren demnach eine evolutionäre „Rationalisierungsmaßnahme“: Sie schrumpften, weil diese Raubsaurier die Energie und Ressourcen für ihre Vordergliedmaßen anderweitig besser nutzen konnten – unter anderem für ihre mächtigen Schädel und Gebisse.
Quelle: Charlie Scherer (University College London) et al., Proceedings of the Royal Society B – Biological Sciences, 2026; doi: 10.1098/rspb.2026.0528





