von BETTINA WURCHE
An einem eisigen Strand der Antarktischen Halbinsel liegt ein junger Südlicher See-Elefant und ruht. Auf einmal niest er – der weiße Schleim fliegt meterweit. Die Erklärung für diesen seltsamen Schnupfen sind winzige Milben in seiner Nase. Selbst in eisigen Temperaturen bleiben die warm-feuchten Wirbeltier-Nasenhöhlen komfortable Lebensräume für parasitäre Insekten, Milben oder Würmer. Da die Robbe beim Tauchen in über 2.000 Meter Tiefe die Nüstern verschließt, behalten die kleinen Plagegeister trockene acht Füße.
Solche Wirt-Parasit-Beziehungen entwickeln sich über Jahrmillionen hinweg. In Co-Evolution passen sich die Parasiten in einem biologischen Wettrüsten stetig und in schneller Generationenfolge an Veränderungen ihrer Wirte an. So müssen Milben in Robbennasen etwa Salz, Druck und Kälte aushalten. Milben der Gattung Halarachnidae besiedeln die Nasengänge und Atemwege kalifornischer Meeressäuger artspezifisch: Ein Fünftel der Seehunde und fast die Hälfte der Nördlichen See-Elefanten trugen jeweils eine Milbenart, während sich drei Viertel der Kalifornischen Seelöwen und Nördlichen Seebären eine andere Art teilten.
Die Auswirkungen des Befalls reichen von leichten Reizungen bis zu schweren Beeinträchtigungen der Atemwege. Befallen diese Milben die dort ebenfalls lebenden Meerotter, können sie sogar zur „mitwirkenden Todesursache“ werden, wie ein Team US-amerikanischer Tierärzte um Risa Pesapane 2021 beschrieb. Obwohl Parasiten ihre Wirte eigentlich nicht töten wollen, können sie auf dem falschen Wirtstier – wie einem Meerotter – zur tödlichen Gefahr werden. Diese Milben wurden übrigens auch in deutschen Gewässern nachgewiesen: Nach einer 100-jährigen Abwesenheit sind sie gemeinsam mit ihren Wirten, den ebenfalls lange verschwundenen Kegelrobben, in die Nord- und Ostsee zurückgekehrt.
Nasen als Dasselfliegen-Kinderstube
Die geräumigen Naseninnenräume von Huftieren wiederum werden oft von Dasselfliegen-Larven heimgesucht. Auch diese Schmarotzer sind hoch spezialisiert und befallen meist nur eine oder wenige Huftierarten in einer Region. Mit der Verbreitung einer Tierart können auch die Parasiten auf Reisen gehen. So hat sich die ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatete Schafnasen-Dassel mit der Verbreitung von Schaf- und Ziegenhaltungen mittlerweile global ausgebreitet. Ein portugiesisches Wissenschaftlerteam um Helder P. B. Nunes von der University of the Azores hatte den Parasiten 2025 in lethargischen und abgemagerten Schafen als Krankheitsursache nachgewiesen.
Hirscharten wie Rehe und Rothirsche werden auch in unseren kühleren Breiten häufig von Dasselfliegen geplagt, wie Jäger berichten. Gerade im Winter bietet deren Riechorgan Schutz vor Kälte und Trockenheit. Bei hoher Bestandsdichte trifft es vor allem Jungtiere: Die Fliegen umschwärmen deren Köpfe und legen im Flug in den Nasenlöchern des Wildes ihre Flüssigkeitströpfchen ab – gefüllt mit frisch geschlüpften Larven. Die Parasitenbrut macht die Rehe unruhig und stört sie beim Fressen. Durch gezielte Abschüsse können Jäger den Lebenszyklus der Fliegen und die Infektionskette unterbrechen. Ältere Tiere erkranken seltener daran, da sie eine bessere Immunabwehr haben und die Fliegen mit Kopfschütteln abzuwehren wissen.





