Von Elena Bernard
Da wir Blumen, Vögel oder Hunde nicht einfach fragen können, ob sie uns ihre Tricks zur Zeitmessung verraten, sind Forschende bei diesem Thema auf indirekte Einblicke durch Verhaltensexperimente, Beobachtungen sowie genetische und neurologische Studien angewiesen. Grundlegende Entdeckungen zur zeitlichen Steuerung von Tieren machten Wissenschaftler in den 1980er-Jahren an Fruchtfliegen. Mithilfe von Genanalysen entschlüsselten die Biologen Jeffrey Hall und Michael Rosbash 1984 ein Schlüsselgen der inneren Uhr: das sogenannte „Period“-Gen. Bei Drosophila melanogaster steuert dieses Gen, wann die Fliege morgens aktiv wird und wann sie sich abends zur Ruhe begibt. Hall und Rosbash deckten die ausgeklügelten Regelkreise auf, mit denen period die Aktivität zahlreicher Stoffwechselvorgänge reguliert – eine Entdeckung, die ihnen 2017 den Nobelpreis für Medizin einbrachte, gemeinsam mit dem Genetiker Michael Young, der ebenfalls molekulare Grundlagen der inneren Uhr entdeckt hatte.
Weitere Forschungen enthüllten, dass dieses System universell im Tierreich bis hin zum Menschen verbreitet ist. So ist es die innere Uhr, die vielen Vögeln bereits vor Sonnenaufgang das Signal gibt, durch Zwitschern, Singen oder Krähen ihr Revier zu markieren und Fortpflanzungspartner anzulocken.
Die Gene der inneren Uhr stehen dabei im Wechselspiel mit dem Tageslicht, funktionieren aber auch unabhängig davon, zumindest eine Zeitlang. Eine Studie an Hähnen hat gezeigt, dass diese auch dann noch pünktlich krähen, wenn sie im Labor mehrere Tage lang in gleichbleibendem Dämmerlicht gehalten werden. Erst nach etwa einer Woche ohne Tag- und Nachtwechsel schienen die Hähne durcheinanderzukommen und krähten zu früh oder zu spät.
Taktgeber auch bei Pflanzen
Auch Pflanzen besitzen eine innere Uhr. Diese sorgt unter anderem dafür, dass morgens die Gene aktiviert werden, die für die Photosynthese erforderlich sind. Zum Abend hin werden dagegen Gene aktiv, die die tagsüber erzeugte Energie für das Wachstum der Pflanze nutzen. Einige Pflanzen produzieren zudem rechtzeitig vor der Nacht verstärkt Kälteschutzproteine.
Als Taktgeber für die innere Uhr dient ihnen dabei die Zuckerkonzentration im Gewebe. Diese steigt im Laufe des Tages dank der Photosynthese an und fällt in der nächtlichen Dunkelheit wieder ab. Diese Art der Zeitmessung ermöglicht es blühenden Pflanzen außerdem, ihre Blütenöffnung an die Aktivität der Bestäuber anzupassen. Viele Pflanzen blühen morgens auf, um für tagaktive Bienen, Käfer und Schmetterlinge bereit zu sein.
Andere dagegen haben sich auf Nachtfalter und Co. spezialisiert und aktivieren abends die Gene für ihre Duftstoffe. So finden die Bestäuber den Weg zu ihrem Nachtmahl – und wir Menschen können bei einem sommerlichen Abendspaziergang blumige Gerüche genießen.





