Von TIM SCHRÖDER
Wer die Wanderung von Meerestieren erforschen will, hat ein Problem: Man sieht sie nicht. Bei Landtieren ist das anders. Wenn Gnus oder Bisons einmal im Jahr in langen Trecks durch die Steppe ziehen, ist das ein riesiges Spektakel. Selbst über leise Wanderer wie den Wolf, der sich im Verborgenen bewegt, findet man eine Menge heraus. Spuren und Kot verraten, wo er war, und mit Wildkameras kann man ihn heimlich beobachten. Meerestiere aber bleiben in der Regel unter Wasser. Fußspuren und andere Hinterlassenschaften gibt es nicht. Allenfalls schauen gelegentlich ein Kopf, ein Rücken oder eine Flosse hervor. So verwundert es kaum, dass viele Tierwanderungen bis heute rätselhaft sind.
Immerhin haben Forscher heute eine Idee da – von, wie weit Meerestiere wandern. Die Strecken, die die Tiere zurücklegen, sind mitunter atemberaubend lang –etwa beim Europäischen Aal, dem Forschungsklassiker unter den wandernden Arten, dessen Route Fischereibiologen schon vor vielen Jahrzehnten enträtseln konnten. Die Aale leben bis zur Geschlechtsreife in europäischen Küstengewässern und Flüssen. Zum Laichen aber wandern sie weit übers Meer bis in die Sargassosee vor Florida. Dort schließt sich der Kreis ihres Lebens, sie geben ihre Eier und Samenzellen ins Wasser ab und sterben dann. Aus den befruchteten Eiern schlüpfen noch in der Sargassosee die Larven, die dann den Rückweg gen Europa antreten. Ein bis drei Jahre dauert diese Wanderung, während der die Larven von drei Millimetern auf Fingerlänge heranwachsen und sich schließlich in durchscheinende Jungtiere, die Glasaale, verwandeln. Diese wandern in die Küstengewässer und Flüsse Europas, wo sie sich zum erwachsenen Tier weiterentwickeln.
Das Verblüffende: In Amerika gibt es eine nah verwandte Aalart, die an der Ostküste entlang ebenfalls zum Laichen in die Sargassosee wandert, sich aber nicht mit den Europäern kreuzt. Lange rätselten Forscher, wie sich zwei derart ähnliche Spezies auf beiden Seiten des Atlantiks mit ähnlichem Wanderverhalten entwickeln konnten. Heute geht man davon aus, dass die Ursache die Kontinentaldrift ist. Da sich in der Mitte des Atlantiks zwei Kontinentalplatten immer mehr voneinander entfernt haben, wurde der Atlantik im Laufe der Jahrmillionen langsam geweitet. Vermutlich hat sich der atlantische Aal dadurch in zwei Arten aufgespalten. Auch heute noch wird der Atlantik jedes Jahr um einige Zentimeter breiter. So beträgt die Distanz, die der Europäische Aal bis zur Sargassosee zurücklegen muss, inzwischen etwa 5000 bis 6000 Kilometer. Diese Hypothese klingt schlüssig. Bewiesen ist sie aber noch nicht.





