Schölzel betont die grundsätzliche Offenheit jeder Biographie und den methodisch gebotenen Versuch, Konstruktionen ex post zu vermeiden. Insbesondere lehnt er eine zu eindimensionale Sicht auf Rathenau als das „jüdische Opfer“ ebenso ab wie die Tendenz, die Leistungen des Politikers „zu einseitig auf sein Streben nach Akzeptanz als Jude zu reduzieren“.
Dem entspricht es, wenn Schölzel eine Vielzahl neuer Einzelaspekte zutage fördert, insbesondere etwa im Hinblick auf Rathenaus Tätigkeit in der Kriegsrohstoffabteilung des Preußischen Kriegsministeriums während des Ersten Weltkriegs oder bei den Reparationsverhandlungen nach 1919. Im Endeffekt überwiegt aber auch bei ihm eine Interpretation, die Rathenaus Bezüglichkeit zu seiner jüdischen Exi-stenz in den Mittelpunkt stellt. Zwischen der ihm aufgezwungenen Alternative, „entweder Jude oder Deutscher“ zu sein, habe er „in der Verbindung beider Existenzen eine gleichsam immerwährende Selbsterschaffung in Auseinandersetzung mit den Widersprüchen seiner Zeit“ erstrebt.
Rezension: Wirsching, Andreas




