Wie also funktioniert Evolution wirklich? Interessanterweise lässt sich das oft am anschaulichsten an besonders ausgefallenen Eigenschaften einzelner Organismen zeigen. Nehmen wir etwa die Insektenfamilie der Zwerg- oder Kleinzikaden (Cicadellidae). Als einzige bilden ihre Mitglieder sogenannte Brochosomen. Das sind je nach Art 0,2 bis 3 Mikrometer kleine Bällchen, deren Hohlraum von einer Hülle umspannt wird, die sich wabenförmig aus fünf- und sechseckigen Protein-Lipid-Einheiten zusammensetzt. Unter dem Mikroskop sehen sie damit aus wie alte Leder-Fußbälle.
Die Gene, die für die Proteine codieren, mit denen die Zikaden diese Bällchen zusammenbauen, zeigen keinerlei Sequenzähnlichkeit mit Genen aus irgendwelchen anderen Organismen. Das weist darauf hin, dass Brochosomen in der Evolutionsgeschichte erstmals überhaupt in der Vorfahrenlinie der heutigen Zwergzikaden „erfunden“ wurden – und bis heute nicht den Weg in andere Organismengruppen gefunden haben.
Die Zwergzikaden bilden diese Mini-Bällchen in bestimmten Zellen der Malpighischen Gefäße – also derjenigen Exkretionsorgane, die bei Insekten in etwa die Funktion unserer Nieren übernehmen. Danach scheiden sie diese als eine Art Granulat am Hinterleib aus und verteilen sie mit speziellen Borsten ihrer Hinterbein-Glieder überall auf Körper und Flügeln. Da die Brochosomen zudem extrem wasserabweisend sind, liegt nahe, dass sie die Kleinzikaden auf diese Weise vor Wasser schützen. Außerdem soll das „Ball-Kleid“ verhindern, dass die kleinen Springer am Ende rettungslos mit dem von ihnen selbst abgesonderten zuckrigen Honigtau verkleben.
Schön und gut, aber was lehren uns die Zikaden-Bällchen jetzt über die Evolution? Zunächst einmal: Die Evolution plant niemals voraus. Folglich wird es nicht so gewesen sein, dass die Zwergzikaden-Vorfahren vor dem großen Problem standen, dass sie allzu nass wurden oder an ihrem eigenen Saft verklebten – und die Evolution sie daher gezielt Brochosomen entwickeln ließ, um Abhilfe dagegen zu schaffen.
Kein aktives Handeln
Nein, so aktiv „handelt“ die Evolution nicht. Sie handelt überhaupt nicht! Evolution beschreibt vielmehr einen komplett ungerichteten und von selbst laufenden Prozess. Und der geht prinzipiell etwa so: Durch zufällige Mutation entstehen in einer Population ständig verschiedene neue Varianten. Eine oder mehrere davon sorgen ebenso zufällig für eine verbesserte oder gar neue Eigenschaft, durch die die betreffenden Individuen ein latentes Problem, das die gesamte Population mit ihrer Umwelt hat, besser bewältigen können. Sie haben damit also einen gewissen Vorteil erworben. Ist dieser wiederum gegenüber den anderen Individuen der Population groß genug, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass diese Varianten sich über die nächsten Generationen zunehmend zahlreicher und stabiler fortpflanzen als ihre somit „übervorteilten“ Artgenossen. Auf diese Weise bevorzugt die natürliche Selektion zunehmend die Variante mit der vorteilhaften Mutation, sodass sie sich durch erfolgreichere Fortpflanzung immer weiter in der Population ausbreitet. Als Folge hat sie nach etlichen Generationen die „alte“ Variante komplett ersetzt und ist damit zu hundert Prozent in der Population fixiert. Womit sie evolutionsgeschichtlich gesehen insgesamt wieder einen Schritt weiter gekommen ist.





