Das Buch von Lindisfarne wurde mit außergewöhnlicher Sorgfalt und kostbaren Materialien hergestellt. Man war sich in der Forschung lange Zeit einig darüber, daß es im Kloster Lindisfarne auf Holy Island geschaffen wurde, einer kleinen Insel vor der Küste des angelsächsischen Königreichs von Northumbrien (Nordostengland), die bei Ebbe vom Festland aus zugänglich ist. Traditionell wird es mit der Verehrung des heiligen Cuthbert in Verbindung gebracht, eines angelsächsischen Adligen, der dort Bischof war. Wikingerüberfälle veranlaßten die Mönche, im 9. Jahrhundert auf das Festland überzusiedeln, zunächst nach Chester-le-Street und schließlich nach Durham. Man vermutet, daß Kommissare König Heinrichs VIII. den Codex im Zuge der Säkularisierung der Klöster beschlagnahmten und seines edelsteinbesetzten Einbands wegen (der heute nicht mehr existiert) nach London brachten.
Als sich das Buch in Chester-le-Street befand, wurde es von Aldred, dem späteren Vorsteher der Gemeinschaft, mit altenglischen Glossen versehen. Damit enthält es die älteste erhaltene Übersetzung des Evangelientextes ins Englische. In einem Kolophon (der Schlußformel der Handschrift) verband Aldred seine Arbeit mit der Arbeit derjenigen, die seiner Ansicht nach das Evangeliar geschaffen hatten: Eadfrith, der Bischof von Lindisfarne (698–721), habe es geschrieben und ausgeschmückt, Aethelwald, sein Nachfolger, habe es binden lassen, und ein Einsiedler namens Billfrith habe den Auftrag erhalten, die Metallbeschläge für den Einband anzufertigen.
Das Kloster Lindisfarne war 635 von dem heiligen Aidan als Teil der monastischen Vereinigung des heiligen Columban gegründet worden. Ursprünglich war es mit deren anderen Klöstern (etwa Melrose, Iona, Durrow und Kells) verbunden, so daß es eine Verbindung gibt zu zwei weiteren bedeutenden Handschriften, die mit dem Columban-Kult in Beziehung stehen: dem Book of Durrow (nach 660) und dem Book of Kells (um 800). In jüngerer Zeit wurde aber sowohl die Zuverlässigkeit von Aldreds Kolophon als auch die Herkunft des Evangeliars aus Lindisfarne angezweifelt. Stattdessen vermutete man, daß das Buch im keltischen Irland oder in dem northumbrischen Zwillingskloster Wearmouth/Jarrow entstanden sei.
Das Buch von Lindisfarne steht am Übergang von der spätantiken zur mittelalterlichen Welt. Die christliche Mission hatte die fernsten Gegenden der bekannten Welt erreicht, und von dort aus trugen ihre Anhänger das Wort Gottes noch weiter nach Norden. Sie zeigten dabei dem alten Zentrum, der Mittelmeerwelt, daß sie kein provinzieller Außenposten, sondern der Vorreiter einer neuen Ordnung waren. Der Enthusiasmus, der mit dieser Herausforderung verbunden war, zeigt sich auch im Buch von Lindisfarne.
Meine eigene Forschung ergab nun, daß der Codex zwar tatsächlich aus Lindisfarne stammt und Eadfrith wohl auch sein Schöpfer war, daß seine Datierung und das Verhältnis zu anderen Werken aber überdacht werden müssen. Um 705 schrieb ein anonymer Mönch die erste Vita des heiligen Cuthbert. Bischof Eadfrith beauftragte bald darauf den berühmtesten Gelehrten der Zeit, Beda Venerabilis aus dem Kloster Wearmouth/Jarrow, diese Lebensgeschichte zu überarbeiten und dem Kult so eine neue Bestimmung zu geben. Bedas in Versen gehaltene Cuthbert-Biographie wurde einige Jahre nach der anonymen ersten Vita begonnen und während des zweiten Jahrzehnts des 8. Jahrhunderts von ihm selbst überarbeitet, um eine strengere, eher meditative Struktur zu erhalten.




