von JAN SCHWENKENBECHER
Piep-piep. „Ja, hier Schwester Kristin, Behandlungsraum 5“, meldet sich eine Frauenstimme aus dem Funkgerät. „Es geht um den Patienten Billmeier. Der hat gerade einiges an frischem Blut erbrochen. Blutdruck ist nicht so toll, war vorhin 90 zu 60. Ich messe aber gleich nochmal. Dem geht’s richtig schlecht. Wäre gut, wenn Sie gleich kommen.“
Moritz, seit fünf Wochen Assistenzarzt, macht sich auf den Weg. Es ist seine erste Nachtschicht in der Notaufnahme. Er verlässt das Stationszimmer, geht den Flur entlang, Behandlungsraum 5 ist gleich nebenan. Moritz zieht die hölzerne Schiebetür auf. Er sieht einen Mann mittleren Alters auf der Liege. Der Patient trägt ein weißes Hemd voller Blut. Moritz läuft umher, sucht eine Nadel, findet sie nicht. Plötzlich geht ein Alarm los. Er ruft nach Schwester Kristin, doch niemand kommt.
Die beschriebene Szene ist nicht real, sondern virtuell. Doch sie versucht real zu sein, zumindest so gut es geht. Sie entstammt der virtuellen Realität (VR, siehe Kasten) eines Projekts des Universitätsklinikums Würzburg. Dort untersucht Tobias Mühling am Institut für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung, ob der medizinische Nachwuchs mithilfe virtueller Szenarien besser auf den Arztberuf vorbereitet werden kann als auf herkömmlichem Wege.
„Im Jahr 2018 war ich im Zuge meiner Facharzt-Weiterbildung auf einer Intensivstation. Ich habe dort mit sehr vielen Notfällen zu tun gehabt. Dabei habe ich gemerkt, dass ich viel zu wenig Praxiserfahrung in diesem Bereich hatte, um die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagt Mühling. Seinen Kollegen ging es ähnlich. „Im Studium lernt man die Notfälle in der Theorie kennen. In den Vorlesungen hört man mal hier oder da, was man machen kann, wenn dieser oder jener Notfall eintritt“, so Mühling. „Aber die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten allein abzuwägen, das lernt man im Studium nicht. Plötzlich steht man da und muss selbst die richtigen Schritte einleiten, um die Patienten aus der größten Gefahr zu bringen.“
Wie könnte eine Lösung aussehen? Es ist ja schlichtweg nicht möglich, dass sich die Ausbilder mit 100 bis 200 Studierenden einer Fakultät einige Nächte lang in die Notaufnahme stellen und sie zuschauen lassen. Und selbst wenn: Könnte das Beobachten genau die Hektik und den Stress vermitteln, die aufkommen, wenn man tatsächlich die alleinige Verantwortung trägt?
Ähnlich einem Computerspiel
Überlegungen wie diese brachten Mühling schließlich auf eine Idee: Man könnte die Szenarien durchspielen. Nicht in echt, aber eben in der virtuellen Realität – wie in einem sehr real wirkenden, dreidimensionalen Computerspiel. Kurz darauf entwickelte er mit einem Münchner Start-up-Unternehmen einen Prototypen. Die ersten Studierenden durften testen, Mühling und sein Team besserten nach: Sie verfeinerten Details und Dialoge und entwickelten neue Szenarien und Funktionen. Im Wintersemester 2020 nahm die medizinische Fakultät der Universität Würzburg Mühlings VR-Szenarien erstmals als Pflichtveranstaltung in die curriculare Lehre auf. Seitdem können Medizin-Studierende die Notfallmedizin in der virtuellen Welt erproben.





