In den letzten Wochen war eine Phrase immer wieder im Feuilleton der Zeitungen zu lesen: Die Wissenschaft sorge für die Entzauberung der Welt. Dort heißt es dann, der Tanz der Bienen oder die Wirkungsweise eines Moleküls seien durch die lückenlose Analyse entzaubert. Vor Kurzem gab etwa das Sozialforum Heidelberg einen Vortrag zum Thema “Aberglauben in einer entzauberten Welt”. Denn “Berechnung und Technologie” hätten “dem Wirken übernatürlicher Kräfte … die Kraft entzogen”. Ja, unsere Welt mag entdämonisiert sein, und niemand wird mehr denken, dass es Zeus war, der Blitze aus dem Himmel schießen ließ. Aber entzaubert ist die Welt deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Die Wissenschaften verzaubern sie erst mit ihren Erklärungen.
Schon länger hat dies ein Klassiker gewusst: “Man wird nicht sagen dürfen, dass die Physik die Geheimnisse der Natur wegerkläre, sondern dass sie sie auf tieferliegende Geheimnisse zurückführe”, so der philosophierende Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker in den 1940er Jahren. Allmählich könnte sich der Gedanke also herumsprechen.
Das Wunder vom Licht
Betrachten wir ein Beispiel: Die moderne Physik kann technisch eine Menge mit Licht machen – sie kann es beugen, brechen und bündeln, fokussieren und polarisieren oder als Laserstrahl einsetzen. Bei all dem kann sie stets zutreffend und im Detail vorhersagen, was passiert. Ein Physiker kann also exakt herausfinden, wie Licht in der jeweiligen Situation agiert, was es tut und wie es erscheint. Dann ist Schluss. Wissenschaftler können selbst mit sämtlichen Ergebnissen beim besten Willen nicht sagen, was Licht ist. Wie spätestens seit den Tagen von Albert Einstein bekannt ist, kommt dem Licht eine duale Natur zu. Es kann als Teilchen – als sogenanntes Photon – und auch als Welle in Erscheinung treten. Wenn nun aber etwas wirklich von Menschen Vorgefundenes und in der Welt Vorhandenes sowohl eine Wellenlänge als auch einen bestimmten Ort aufweist, wenn etwas die beiden konträren und sich widersprechenden Eigenschaften von Wellen und Teilchen zu einem Zeitpunkt in sich vereint, dann bleibt selbst Menschen wie Einstein verschlossen, was Licht „eigentlich” ist. Sie wissen einfach nicht, wie etwas Wirkliches als Welle und Teilchen zugleich gegeben sein kann. Das heißt im Klartext: Licht bleibt für uns Menschen geheimnisvoll.
Das ist gut so!
Diese Einsicht ist aber allemal positiv zu verstehen – und mit ihr das Gefühl für das Geheimnisvolle anzusprechen, mit dem Einstein zufolge “wahre Wissenschaft” beginnt. An dieser philosophisch entscheidenden Stelle ist Einstein 1905 exemplarisch gelungen, der Wissenschaft Qualität zu verleihen, nämlich die gegebene, aber geheimnisvolle Natur des Lichts in eine noch geheimnisvollere Erklärung zu verwandeln, die sehr wohl als entzückend empfunden werden kann.




Ernst Peter Fischer
