Doch genau darin liegt der entscheidende Knackpunkt. Denn ob eine Frage „richtig“ in dem Sinne war, dass sie tatsächlich zu „wichtigen“ Erkenntnissen geführt hat, entpuppt sich oft erst, lange nachdem man sie ursprünglich gestellt hat. Woraus umgekehrt folgt: Wenn man im Voraus beurteilen will, ob eine Frage zu wichtigen Erkenntnissen führen wird, kann man sehr daneben liegen.
Nehmen wir als Beispiel die frisch veröffentlichte Studie zur Blaufärbung von Heidelbeeren (bild der wissenschaft berichtete in Ausgabe 04/2024). Das Autorenteam um Rox Middelton von der Universität Bristol formuliert gleich zu Beginn der Einleitung seines Artikels die entscheidende Frage: „Heidelbeeren sind sichtbar blau – die Farbpigmente, die sie enthalten, sind es jedoch nicht. Entsprechend können die Farbvariationen von Heidelbeeren nicht in erster Linie von deren Pigmentierung abhängen, denn die Anthocyane, die die Früchte in hohen Konzentrationen enthalten, haben dunkelrote Farbprofile. Wie aber kommen Früchte wie Heidelbeeren und Schlehen dann zu ihrer blauen Farbe?“ Eine Frage, die eigentlich schon lange formuliert sein dürfte – schließlich ist der aus den blauen Beeren gepresste Heidelbeersaft tatsächlich dunkelrot. Doch offenbar war es für die Wissenschaft bislang keine „richtige“ Frage – oder zumindest keine, die den Gewinn neuer und vielleicht sogar wichtiger Erkenntnisse versprach.
Rox Middelton und Co. sahen dies scheinbar anders, oder sie gingen die Frage einfach trotzdem an. Middelton sagte dazu: „Das Blau der Blaubeeren kann nicht durch Zerquetschen ‚extrahiert‘ werden, da es sich nicht im pigmentierten Saft befindet, der aus der Frucht gepresst werden kann. Deshalb wussten wir, dass es etwas Seltsames an der Farbe geben muss.“
Farben ohne Farbe
Das „Seltsame“ verbarg sich in der äußeren, sogenannten epicuticularen Wachsschicht, die die Beere umhüllt. Nachdem die britischen Forscher das Wachs entfernt und auf schwarze Pappe umkristallisiert hatten, geschah nämlich folgendes: Beim Ablösen mit Chloroform wurden die Wachskristalle erst transparent und blieben auch nach Verdampfen des Lösungsmittels weiß. Nach dem Auftragen auf die Pappe organisierten sie sich jedoch umgehend wieder zu einer ähnlichen Nanostruktur wie auf der Beere – und gewannen eine blaue Färbung zurück, die dem spektralen Profil der natürlichen Heidelbeer-Oberfläche glich. Auf der Pappe hatte sich somit eine durchgehende, zwei Mikrometer dicke Wachsbeschichtung formiert, die kurzwelliges Licht von Ultraviolett bis Blau reflektiert.
Laut Middelton sei damit ein bisher unbekannter biologischer Färbemechanismus identifiziert worden, der sich sicherlich nicht nur auf Heidelbeeren beschränkt. Die Entdeckung kann damit guten Gewissens als neue und womöglich sogar wichtige Erkenntnis gewertet werden.





