Die Irrtümer sind für die Frage nach dem „Mythos Burg“ mindestens ebenso aussagekräftig wie die Wahrheiten. Beide haben als wichtige Bestandteile der Überlieferung zum heutigen Bild beigetragen, das sich ständig weiterentwickelt. Die Burg ist ohne den Mythos nicht zu verstehen.
Burgen haben wie wohl keine anderen Bauwerke unsere Vorstellung vom Mittelalter geprägt und wurden zu einem Sinnbild und Synonym dieser Epoche. Mit Burg und Mittelalter verbindet man Merkmale wie düster, mächtig, trutzig und heldenhaft. Diese Eigenschaften tragen ebenso wie eine geheimnisvolle Aura zur Verklärung der Burg bei, die sich unter dem Schlagwort „Mythos Burg“ fassen lässt (das altgriechische mythos lässt sich mit „Wort“, „Rede“ oder „Geschichte“ übersetzen; im spezielleren Sinn bezeichnet der Begriff eine sinn- und identitätsstiftende Erzählung). Nach Platon und Aristoteles ist Mythos immer Dichtung, das heißt ein Ausdruck menschlicher Welterfahrung, in dem sich Wahres und Falsches mischen).
Das heutige Bild der Burg ist das Ergebnis einer rund 2000-jährigen Geschichte. Sie wird im Gegensatz zur antiken Mythologie weniger von Göttern als von Helden bestimmt, welche Burgen zum Schauplatz ihres Lebens gemacht haben. Die Sagen um König Artus, die Nibelungen, Parzival, Lohengrin, Karl den Großen oder die Wasserfee Melusine sind mit den zahlreichen Erwähnungen von Burgen ein Spiegel ihrer anhaltenden Faszination und zugleich der symbolhaften Überhöhung. Als Wehr- und Herrschaftsarchitektur verbindet sich mit ihr die Idee von Schutz und Autorität, Abgrenzung und Anziehung. Diese Vorstellungen werden seit dem Mittelalter literarisch vermittelt in Ritter- und Heldenepen, Romanen, Liedern und allegorischen Erzählungen und haben ein reiches Echo in den Bildkünsten und in der Festkultur gefunden.
Die Transformation der Burg in einen Mythos wird bislang als Phänomen der Romantik angesehen. Diese Epoche gilt mit ihrer Burgenverherrlichung als Ursprung der modernen Vorstellung von der Burg. Tatsächlich war das 19. Jahrhundert mit einer Vielzahl historisierender Restaurierungen, Rekonstruktionen und Neubauten – man denke nur an Neuschwanstein, Stolzenfels (Koblenz) oder die Hohkönigsburg (Elsass) – besonders prägend für die Wahrnehmung der architektonischen Gestalt einzelner Burgen und ganzer „Burgenlandschaften“. Doch haben Romantik und Historismus das Mittelalter nicht erfunden. Vielmehr baute man im konkreten wie übertragenen Sinn auf dem aus Mittelalter, Renaissance und Barock überlieferten Mittelalterbild auf. Selbst wenn die Burg im Lauf der Jahrhunderte ihre ursprüngliche Funktion als Herrschaftssitz und militärisches Bollwerk verloren hat, so ist der Mythos weiterhin lebendig. Nicht zuletzt sind die mit der Burg verbundenen ritterlich-höfischen Lebensformen bis heute eine Grundlage der westlichen Zivilisa‧tion und ihrer Werte. Die Beschäftigung mit dem „Mythos Burg“ hat daher auch viel mit der Frage nach den Ursprüngen und der Entwicklung der modernen Gesellschaft zu tun.




