Danach steigen wir steil über die Westwand des Razor zum Sattel Sedla Planja auf. Das Eisfeld ist zusammengeschmolzen und bereitet uns keine Probleme. Der Pfad hingegen ist ausgesetzt, mehrmals mit Stahlseilen und Trittstiften versichert. Einmal geht es gar über eine kurze Leiter senkrecht an einer Felswand empor. Bei gutem Wetter ist die Etappe aber für trittsichere und schwindelfreie Alpenüberquerer gut machbar. Die Ausblicke auf die Berge des Triglav Nationalparks und hinab ins Soca-Tal sind unvergesslich.
Die Kraft lässt nach
Am Sattel steigen Marcus, Sebastian und ich zur Pogačnikov dom ab. Nach fast drei harten Wochen gehen wir freiwillig keinen Meter extra. Peter ist eine Woche später eingestiegen und hat noch Kraft in den Beinen, auf den Gipfel des Razor zu steigen.
In der Hütte werden wir freundlich aufgenommen. Nachdem wir die letzten beiden Nächte fast die einzigen Gäste waren, ist heute mehr los. Die meisten sprechen slowenisch oder andere osteuropäische Sprachen. Vegan sind auf der Speisekarte die Gemüsesuppe und die Beilage Polenta. Ich bestelle beides, mische es und kreiere eine köstliche Gemüse-Polenta-Suppe.

20. Tag: Von der Pogačnikov dom (Slowenien) zur Koča pri Triglavskih jezerih (Slowenien). Etappenlänge 22 Kilometer, 1500 Höhenmeter Aufstieg, 1865 Höhenmeter Abstieg.
Es wird eine lange Etappe auf schwierig zu gehenden Wegen. Längst plagen uns alle Wehwehchen und wir sehnen uns, die Alpen hinter uns zu lassen. Bei mir sind es die Knie, die bei den steilen Abstiegen und den Schritten über den felsigen Untergrund schmerzen. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich mich mal über Aufstiege freue.
Würden uns die Julischen Alpen nicht so begeistern, hätten wir uns schon längst ausfliegen lassen. Bei bestem Wanderwetter geht es zunächst hinauf zum Sattel Dovška vratca, von dem wir zum ersten Mal den Triglav, Sloweniens Nationalheiligtum und mit 2864 Metern höchsten Berg des Landes sehen. Unterhalb dessen gewaltiger Wand gelangen wir zur Koča na Doliču. Mehrmals begleiten uns Steinböcke und Gämsen.
Üppige Natur im Winnetou-Tal
Marcus und Sebastian sind uns zu diesem Zeitpunkt entschwunden. Ich laufe die Etappe mit Peter zu Ende. Über einen weiteren Pass, den vierten an diesem Tag, gelangen wir ins Sieben-Seen-Tal. Nach der bizarr-kargen Bergwelt zuvor, blüht es hier plötzlich üppig und umschwirren uns Insekten. Bekannt ist das Tal auch, weil hier Szenen der Winnetou-Filme gedreht wurden.







Christof Herrmann
