Am 6. Dezember 1992 sprach sich die Schweizer Bevölkerung bei einer Volksabstimmung mit 50,3 Prozent Neinstimmen gegen den Beitritt der Eidgenossenschaft zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und somit gegen eine außenpolitische Öffnung des Landes aus. Die Entscheidung hatte weitreichende Folgen, nicht nur für die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Schweiz zu Europa. Zu den eigentlichen Verlierern gehörten die Westschweizer Kantone. Diese hatten der Europa-Vorlage mit einer stattlichen Mehrheit von 77 Prozent zugestimmt. Sie waren aber dem quantitativen Mehr der Deutschschweizer Neinstimmen unterlegen.
Von der in den 1990er Jahren vor allem in der Deutschschweiz erstarkten rechts-bürgerlichen Schweizerischen Volkspartei SVP war der Widerstand gegen die außenpolitische Öffnung des Landes – in Erinnerung an die Selbstbehauptung der alten Eidgenossen – als Verteidigungskampf gegen die Einflußnahme der fremden „Vögte aus Brüssel“ hochstilisiert worden. So erstaunte es vordergründig wenig, daß manche Westschweizer glaubten, sie stünden einem monolithischen Block rückwärtsgewandter, isolationistischer Deutschschweizer gegenüber. Nachdem die Westschweizer mit ihrem „Ja“ in weiteren Volksabstimmungen neuerlich dem Deutschschweizer „Nein“ unterlagen, fand zur Bezeichnung des Deutschschweizers gar der Begriff „Neinsager“ Eingang ins helvetische Französisch.
In der Folge wurde von einer Entfremdung zwischen den beiden Sprachregionen gewarnt, manche Politiker und Journalisten sprachen gar von einer drohenden, tiefgreifenden Spaltung des Landes entlang der deutsch-französischen Sprachgrenze. Zur Bezeichnung dieses vermeintlichen politisch-kulturellen Konflikts etablierte sich, in Anlehnung an ein traditionellerweise eher in der Deutschschweiz beliebtes Kartoffelgericht, der Begriff „Röstigraben“.
Dieser war bereits in den 1980er Jahren in den Schweizer Medien aufgekommen und wurde nun zu einem Modewort, das alsbald für allerlei reale, aber auch imaginäre Differenzen zwischen den Sprachregionen herhalten mußte. Der ironische Klang der gastro-geologischen Metapher verweist darauf, daß in der „wohlgeordneten“ Schweiz in näherer Zukunft wohl kein bewaffneter ethni-scher Konflikt um die Vorherrschaft einer Sprachgruppe droht. Doch wie steht es um das Zusammenleben der Sprachen in der Schweiz? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt sich ein Blick in die Schweizer Geschichte, denn die Debatte über den Zusammenhalt der verschiedenen Sprachregionen geht weit über die letzten Jahrzehnte hinaus.
Das Territorium der heutigen Schweiz war vor dem Entstehen der Eidgenossenschaft (ein erster Bund der Waldstätte Uri, Schwyz und Unterwalden geht auf das Jahr 1291 zurück) nie eine Einheit ge?wesen, weder politisch noch sprachlich, kulturell oder wirtschaftlich. Sie war in ihren Anfängen eine deutschschweizerische Konstruktion, auch wenn das Land schon früh mehrsprachig wurde.




