Die psychologisch-neurologische Besonderheit, die das ermöglicht, heißt „Synästhesie“, was so viel bedeutet wie „Empfindungsverschmelzung“. Einige Synästhetiker – aus medizinischer Sicht gelten sie als außergewöhnlich, jedoch keineswegs als krank – sehen Buchstaben bunt, und zwar in dem Sinn, dass zu jedem Zeichen eine bestimmte Farbe gehört. Das A etwa erscheint ihnen immer hellblau und das G gelb. Andere assoziieren mit einem Ton einen speziellen Geruch, wieder andere schmecken bestimmte Formen, und bei einer kleinen Gruppe treten sogar mehrere derartige Sinneskombinationen gleichzeitig auf. Zu etwa drei Viertel sind Frauen betroffen, und unter diesen sind merkwürdigerweise Linkshänderinnen deutlich in der Mehrheit. Erstaunlich ist, dass sich manche Synästhetiker ihrer außergewöhnlichen Begabung nicht bewusst sind. Auffällig ist zudem eine familiäre Häufung: Mehr als 40 Prozent der Betroffenen gaben in einer Studie an, unter den Verwandten ersten Grades gebe es mindestens noch einen weiteren Mehrfach-Empfinder.
Synästhesie hat nichts mit Einbildung zu tun, das haben Neurologen in umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen einwandfrei bewiesen. Vielmehr haben ihre Studien ergeben, dass etwa im Gehirn derer, die farbig hören, neben dem Hör- stets auch das Sehzentrum aktiv ist. Forscher betrachten denn auch die Verknüpfung verschiedener Sinnesbereiche über das sogenannte limbische System, das im Gehirn für das Entstehen von Gefühlen verantwortlich ist, als mögliche Ursache des erstaunlichen Phänomens.
Fest steht zudem, dass die Synästhesie für die Betroffenen durchaus Vorteile hat, denn vielen von ihnen ermöglicht ihre besondere Begabung, sich an Erlebtes, Gelesenes oder Gehörtes erheblich intensiver oder länger zu erinnern, als dies anderen Menschen möglich ist. Man kennt diesen Effekt von einem Gesellschaftsspiel, bei dem man sich möglichst lange Folgen nacheinander erscheinender Farben einprägen soll: Ist das Aufleuchten einer neuen Farbe jedes Mal mit einem bestimmten Ton verknüpft, sodass sich mit der Zeit eine zusammenhängende Melodie ergibt, gelingt das wesentlich besser als ohne akustische Begleitung.
Berühmte Synästhetiker waren der Musiker Jimi Hendrix, der Melodien nicht mit den üblichen Noten, sondern mithilfe von Farben notierte, der Maler Wassily Kandinsky, der die Farben seiner Bilder nicht nur sah, sondern auch hörte, und der Komponist Alexander Skrjabin, der sich ein Klavier mit bunten Tasten bauen ließ, wobei jedem Ton die Farbe zugeordnet war, die er bei ihrem Klang sah.





