Tatsächlich ist die Wissenschaftsgeschichte voll von solchen falschen Hypothesen wie auch von fehlerhaften Modellen, Theorien und Schlussfolgerungen. Eines der berühmtesten Beispiele: der Weg zur DNA-Doppelhelix. Im Jahr 1952 veröffentlichte der US-amerikanische Chemiker und spätere Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling ein grottenfalsches Triplehelix-Modell. Und selbst James Watson und Francis Crick, die 1953 tatsächlich die korrekte Doppelhelix-Struktur des DNA entdeckten, waren zuvor mehrfach gerade noch davon abgehalten worden, ebenso falsche Modelle zu veröffentlichen. Dennoch wird keiner behaupten, dass die drei schlechte Wissenschaftler waren. Und ebenso steht außer Zweifel, dass die falschen Modelle auf dem Weg zum richtigen letztlich essenziell waren.
Watson, Crick und Pauling hatten damals also das Recht, fehlerhaft zu denken und falschzuliegen – und brauchten dabei auch nur wenig Angst vor potenziellen negativen Konsequenzen zu haben. (Francis Crick hatte zu diesem Zeitpunkt übrigens noch nicht einmal seine Dissertation abgegeben.)
Doch wie sieht es heute aus? Heute, da der Wettbewerb um Stellen und Fördermittel unter den Forschenden so scharf ist wie noch nie zuvor? Und da jeglicher Reputationsverlust die Gefahr birgt, weit hinter die Konkurrenz zurückgeworfen zu werden? Hat der immer engere Wettbewerb daher nicht mittlerweile auch dafür gesorgt, dass das Forschungsgeschäft mit Fehlern oftmals ziemlich gnadenlos umgeht? Weil bereits jede kleine Nachlässigkeit oder Schlamperei der wachsamen Konkurrenz potenzielle und willkommene Angriffsflächen bietet, um unliebsame Mitbewerber zu diskreditieren? Oder anders gesagt: Ist gerade in diesem aufgeheizten Klima die Versuchung nicht besonders groß, die Fehler der Konkurrenten übermäßig aufzublasen, deren falsche Schlussfolgerungen anzuprangern und die Mängel ihrer Arbeiten umgehend herauszuposaunen? Und wenn ja: Muss ein solcher „Geist“ nicht vor allem auf Kosten des wissenschaftlichen Nachwuchses gehen, der ja am ehesten Fehler macht – aber auch und vielleicht sogar gerade durch sie lernen sollte?
Patzer beim Protein-Putzen
Nehmen wir etwa den Fall des jungen Doktoranden M., der sich vor einiger Zeit tatsächlich so zugetragen hat. Damals versuchte M., ein bestimmtes Protein aus der Plasmamembran von Pflanzenzellen zu isolieren – und hatte offenbar Erfolg: Nach monatelanger „Putzerei“ lieferte ihm die gelelektrophoretische Auftrennung der erhaltenen Probe eine einzelne sogenannte Proteinbande. Von weiteren Proteinen waren weit und breit keine Banden zu sehen. Doktorand und Chef zweifelten daher nicht: Das musste das gewünschte Protein sein. Zumal nach der heiligen Forscherregel, dass nur replizierbare Ergebnisse echte Ergebnisse sind, diese Proteinbande auch in allen Wiederholungsversuchen zuverlässig einzig und allein erschien.





