Solch ein inhärenter Mangel an Wahrheit würde uns im Alltag verunsichern – Wissenschaftler juckt er jedoch weniger. Was vor allem daran liegt, dass der Begriff „Theorie“ in der Wissenschaft anders genutzt wird als im allgemeinen Sprachgebrauch. Wissenschaftliche Theorien zielen nicht auf Wahrheiten ab – viel wichtiger ist, dass sie nützlich sind. Bietet eine Theorie einen robusten Leitfaden, mit dessen Hilfe man bestimmte Probleme konkret erforschen kann, dann ist sie gut, sprich nützlich. Tut sie das nicht, ist sie schlecht.
Dieses Nützlichkeitsprinzip veranschaulicht beispielsweise die sogenannte Red-Queen-Hypothese. Trotz der „Hypothese“ im Namen stellt sie eigentlich eine Theorie dar und basiert auf der Beobachtung, dass das Leben – evolutionär betrachtet – ein fortwährendes Wettrennen ist. Jedes Lebewesen muss sich ständig gegen Nahrungskonkurrenten durchsetzen, gefräßigen Räubern entwischen und Winzlinge abwehren, die den eigenen Körper zu ihrem Vorteil besiedeln wollen. Die Interaktionen mit den anderen Mitbewohnern des Lebensraums sind daher selten harmonisch – oder derart ausbalanciert, dass keiner der Teilnehmer einen Nachteil hat.
Sicher, man findet zwischen symbiotischen Partnern durchaus halbwegs ausgewogene Beziehungen. Doch das sind Momentaufnahmen. Auf Dauer wird jeder Partner versuchen, dem anderen ein Schnippchen zu schlagen, um am Ende ein wenig mehr Vorteile aus der Interaktion zu ziehen.
Was insgesamt daraus resultiert, ist das erwähnte koevolutionäre Wettrennen. Räuber werden versuchen, noch bessere Jagdstrategien zu entwickeln. Beutetiere werden danach streben, schneller weglaufen oder sich besser tarnen zu können oder ungenießbar zu werden. Potenzielle Wirtsorganismen werden immer ausgefuchstere Abwehrmechanismen gegen Parasiten entwickeln – und gleichzeitig werden letztere stets weitere Tricks austüfteln, um sich eben doch in ihnen breitmachen zu können.
Möglichst schnell nachziehen
Diese Beobachtungen eines stetigen Wettrennens zwischen Wirtsorganismen und Parasiten ließen den US-Biologen Leigh Van Valen in den 1970ern die Red-Queen-Hypothese formulieren – frei nach Lewis Carolls Roman „Through the Looking-Glass“, in dem die Rote Königin erklärt: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Übersetzt: Entwickelt eine Art irgendeinen Vorteil, folgt daraus in aller Regel ein Nachteil für eine andere Art – weswegen diese möglichst schnell nachziehen muss, um ihren Beziehungsstatus halten zu können.
Van Valens theoretische Überlegungen haben sich bis heute als äußerst nützlich erwiesen, da sie der Forschung einen robusten Leitfaden in die Hand geben, mit dem unzählige Beobachtungen aus dem echten Leben besser eingeordnet und verstanden werden können. Und das sogar, wenn die Beobachtungen sich als ziemlich skurril entpuppten – wie in folgendem Beispiel:





