In der Nacht vom 16. auf den 17. November 1231 starb Elisabeth von Thüringen im Alter von nur 24 Jahren. Nach der Aussage eines Augenzeugen wirkte Gott schon am 20. November an ihrem Grab ein Wunder. Für viele Zeitgenossen stand fest, dass die Verstorbene in der Anschauung Gottes lebte; erstaunliche Vorkommnisse, die sich ereigneten, wenn man die Tote anrief, bestätigten diese Meinung.
Um die offizielle Anerkennung Elisabeths als einer Heiligen bemühte sich vor allem ihr Seelenführer Konrad von Marburg. Papst Gregor IX. setzte 1232 eine Kommission ein: Erzbischof Siegfried von Mainz, Abt Raimund von Eberbach und Magister Konrad von Marburg sollten nach genauen Weisungen glaubwürdige Zeugen unter Eid über Leben, Verhalten und Wunder der Landgräfin vernehmen und die Protokolle nach Rom senden. Diese Berichte bilden einen wesentlichen Teil der erhaltenen Kanonisationsakten; dazu kommen Aussagen der Dienerinnen, Lebensbeschreibungen und Urkunden.
Die feierliche Heiligsprechung erfolgte am 27. Mai 1235 in Perugia, vier Jahre nach dem Tod der Landgräfin. Bei ihrem Zeitgenossen Do-minikus dauerte es länger, ehe er offiziell in den Kanon der Heiligen aufgenommen wurde, obwohl dessen „Söhne“, die Predigermönche, an der Kurie über Einfluss verfügten. Für Elisabeths Heiligsprechung hatte sich der Deutsche Orden eingesetzt, und auch dieser verstand es, sich am päpstlichen Hof Gehör zu verschaffen.
Das überragende Format der Verstorbenen war unbestritten, hätte allein jedoch kaum ausgereicht, das Heiligsprechungsverfahren in Gang zu setzen, das erstmals ausschließlich an die päpstliche Autorität gebunden war. Aus den Akten geht hervor, warum der Papst den Prozess an sich zog. Die päpstliche Kommission, die Leben und Wunder der Landgräfin untersucht hatte, erklärte: „Zur Widerlegung der Verworfenheit der in dieser Zeit sich mehrenden Häretiker“ habe Gott durch Elisabeth Zeichen setzen wollen, auf dass die Menschen nicht über ihre Kräfte hinaus in Versuchung geführt würden. In der Urkunde zur Heiligsprechung wiederholte Gregor IX. diese Erwartung; er hoffte, die Heilige werde zur Mehrung des rechten Glaubens beitragen, den Ungläubigen den Weg der Wahrheit vor Augen führen und die Ketzer verwirren.
Die abendländische Christenheit steckte in einer Krise; die Kreuzzugsbegeisterung war erlahmt; mehr noch: Der wahre Glaube schien bedroht. Da waren zum einen die Anhänger des Waldes, eines wohlhabenden Bürgers aus Lyon. Dieser hatte sich um 1170 zur radikalen Nachfolge Jesu bekehrt, seinen Besitz unter die Armen verteilt und Anhänger um sich geschart. Die Waldenser wollten arm wie die Apostel leben und so gegen die Kirche reicher Prälaten protestieren. Dazu kamen die Albigenser, benannt nach der Stadt Albi in Südfrankreich, wo viele von ihnen lebten. Sie verstanden sich als die Reinen, „Katharer“; im Mund ihrer Gegner wurde daraus das Schmähwort „Ketzer“. Die Albigenser hatten sogar eine Gegenkirche gegründet, mit eigener Lehre, Hierarchie und Sakramenten. Das Auftreten der Waldenser und Albigenser war ein Symptom dafür, dass die Kirche, reich und glanzvoll, wie sie in Erscheinung trat, an Glaubwürdigkeit eingebüßt hatte…




