Eine Ausstellung, die sich mit „Ritualen im Alten Europa“ beschäftigt und in Zusammenarbeit des in Münster beheimateten Sonderforschungsbereichs „Symbolische Kommuni‧kation und gesellschaftliche Wertesysteme“ mit dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg entstand, trägt den Titel „Spektakel der Macht“. Zitiert wird damit bewusst eine abwertende moderne Einschätzung von Ritualen.
Der Titel soll die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums auf ein Phänomen lenken, das in vormodernen Zeiten eine zentrale Rolle bei der Herstellung und der Aufrechterhaltung von Ordnung spielte. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bedeutete der Begriff spectaculum in erster Linie, dass es etwas Wichtiges zu schauen gab – und dazu gehörte auch und gerade das, was in Ritualen gezeigt und aufgeführt wurde. Es war wichtig, weil in den Ritualen die Aushandlungsprozesse um Ehre und Rang, um Macht und Einfluss zu einem verbindlichen Abschluss gebracht wurden. Verhalten in Ritualen erfüllte den Tatbestand eines Präzedenzfalls, den man nicht mehr ungeschehen machen konnte, dessen Aussagen vielmehr auch für die Zukunft Gültigkeit beanspruchten.
Deshalb protestierte man vehement, wenn man nicht den Sitz zugewiesen bekam, den man beanspruchte. In der Sitzordnung manifestierte sich eben die Rangordnung, und auf der Anerkennung des Ranges hatte man bei jeder Gelegenheit zu bestehen. Wurde andererseits einem König gehuldigt, blieb nur die Möglichkeit, sich zu entfernen, wenn man die verpflichtende Wirkung dieses Ereignisses für sich persönlich vermeiden wollte. Solch politisch bedingtes Nicht-Erscheinen oder Abreisen war daher eine Handlungsoption, die durchaus genutzt wurde.
In der Moderne haben die Rituale einen Verlust an Funktionen und mehr noch an Wertschätzung hinnehmen müssen, wie er nicht zuletzt im veränderten Bedeutungsgehalt des Begriffs Spektakel zum Ausdruck kommt. Nichtsdestoweniger sind diese „Spektakel“ immer noch allgegenwärtig. Die Beschäftigung mit den vormodernen Erscheinungen schärft daher nicht zuletzt den Blick für die Wahrnehmung gegenwärtiger Phänomene und verweist auf die grundsätzliche Frage, ob politische Macht, ja menschliche Kommunikation allgemein ohne „Spektakel“ ritueller Art überhaupt auskommen kann. Die Ausstellung hat daher eine doppelte Botschaft: Einerseits zeigt sie das Spezifische vormoderner Ritualität; andererseits akzentuiert sie, dass nach dem Bruch der Französischen Revolution, die die alte Formensprache zu zerstören versuchte, auch die Moderne nicht darauf verzichtete oder verzichten konnte, in neuen Formen und mit neuen Medien Kommunikation in rituellen Formen zu praktizieren.
Amts- und Statuswechsel waren in der vormodernen Gesellschaft immer mit besonderer Unsicherheit verbunden, da die Ordnung des betroffenen Verbandes neu austariert werden musste. Beispiele von Einsetzungsritualen sind Kaiserkrönung und Bischofsweihe, die Einsetzung eines städtischen Rats und die Doktorpromotion an den Universitäten – es sind Rituale, die jeweils über einen langen Zeitraum hinweg praktiziert wurden.




