Im 18. Jahrhundert konnten erstmals seit der Antike deutliche Fortschritte im Straßen- und Kanalbau erzielt werden. Als Resultat stellten sich beachtliche Erfolge bei der Beschleunigung des Verkehrs ein. Vielen Ländern gelang es, die Transportkapazitäten erheblich zu steigern. England spielte dabei nicht nur im Hinblick auf den Umfang seiner Kanalbauprojekte, seinen Mautstraßen und seinem modernen Postwesen eine Sonderrolle, sondern in einigen Regionen wurden hier grundlegend neue Verkehrssysteme – die Eisenbahnen – entwickelt. Die Kohlereviere in Südwales erwiesen sich dabei als ausgedehnte Experimentierfelder, denn hier lagen die einzelnen Komponenten – Eisenschienen, Wagen mit Spurkranzrädern und die Dampfmaschinen – sprichwörtlich “nahe” beieinander. Aus diesen einzelnen Komponenten formten Erfinder wie Richard Trevithick oder John Blenkinsop um 1800 erste experimentelle Systeme. Maßgeblich für den weiteren Erfolg dieses Verkehrskonzepts war der durch die niedrigen Reibungsverluste zwischen Eisenschienen und Eisenrad geringe Energieaufwand. Sogar bei einem Zugbetrieb mit Pferden konnte ein Vielfaches an Lasten bewegt werden. Später wurde dieses Prinzip bei den Pferdebahnen im städtischen Nahverkehr erfolgreich eingesetzt. Potenziert wurde die Effizienz allerdings von Anfang an durch den Einsatz der Dampfkraft. Eine Lokomotive zog viele Wagen, die gegenüber Kutschen und Frachtkarren mit einem Vielfachen an Reisenden oder Gütern beladen werden konnten, und sie beförderte diese Lasten in einem Bruchteil der damals üblichen Zeit. Der Durchbruch zu einem funktionierenden System erfolgte zwischen 1820 und 1830 und ist untrennbar mit dem Namen von George Stephenson verbunden. Er baute die beiden ersten großen Eisenbahnstrecken zwischen Stockton und Darlington sowie Liverpool und Manchester. Der Eindruck einer Fahrt mit diesen neuen Eisenbahnen war ungeheuer. Enthusiastisch berichtete die Schauspielerin Frances Anne Kemble an ihre Freundin: “Du hast keinen Begriff davon, was das Durchschneiden der Luft für ein Gefühl war. Und dabei ist die Bewegung so sanft wie möglich. Ich hätte lesen oder schreiben können. Ich stand auf, nahm den Hut ab und trank die Luft vor mir. Der Wind war stark, oder war es unser Anfliegen gegen ihn, er drückte mir unwiderstehlich die Augen zu… Als ich sie geschlossen hatte, war das Gefühl des Fliegens ganz zauberisch und sonderbar über jede Beschreibung – aber trotzdem hatte ich das Gefühl vollkommener Sicherheit und nicht die geringste Furcht.” Von England strahlte das neue System auf ganz Europa aus und forcierte die gesellschaftliche Dynamik. Nur ein Jahr nach Eröffnung der Strecke zwischen Stockton und Darlington pries Joseph Ritter von Baader das neue Transportmittel: “Zu den wichtigsten und folgenreichsten Erfindungen, durch welche in neuern Zeiten das Gebiet der Mechanik erweitert worden ist, gehören unstreitig die Eisenbahnen”; sie verdienten “als eine der nützlichsten Erfindungen die höchste Aufmerksamkeit aller kultivierten Staaten und Völker in Anspruch zu nehmen”. Das System der Eisenbahn erschien verlockend, weil es enorme Zeitgewinne versprach – und dies besonders im Güterverkehr. Friedrich List wies immer wieder darauf hin, daß das in Handelsgeschäften angelegte Kapital dann viel schneller zirkulieren könne. Man erwartete eine erhebliche Senkung der Transportkosten und damit ein Sinken der Preise bei allen Gütern. Rheinische Unternehmer wie David Hansemann betonten die Rolle der neuen Verkehrsmittel für die allgemeine Mobilität. “Die Klasse der Fußgänger fällt ganz weg, weil Fußreisen mehr kosten als Eisenbahnreisen”, und “dann werden Tausende von Arbeitern bei besondern Veranlassungen, oder zu gewissen Jahreszeiten, viele Meilen reisen, um nützlicher oder gewinnreicher beschäftigt zu werden, als es in der Heimath möglich war”. Andere Eisenbahnvisionäre wie von Traitteur glaubten, durch die Verkürzung der Reisezeiten werde “das Land mehr concentrirt”: Die Informationsübermittlung beschleunige sich, und werde der Zusammenhalt der Gemeinden und Städte viel direkter sein. Es waren Bürgerkomitees, die als erste diese revolutionären Ideen aufgriffen und daraus konkrete Projekte schmiedeten. Sie entstanden in fast jeder größeren Stadt. Angeregt von der aus England herüberschwappenden Diskussion ergriff etwa Johannes Scharrer in Nürnberg 1833 die Initiative, gründete ein Komitee und ließ den Fußgängerverkehr zwischen Nürnberg und Fürth zählen. Die täglich 1720 Fußgänger erschienen ihm ein ausreichend großes Potential, um eine Aktiengesellschaft zum Bau einer Eisenbahn zu gründen. Die Gesellschaft holte eine Konzession beim bayerischen König ein und begann mit dem Bau. Bereits am 5. Mai 1835 konnte die erste Eisenbahnstrecke in Deutschland mit dem legendären “Adler” ihren Betrieb aufnehmen. Die Akzeptanz übertraf alle Erwartungen. Überall wurden nun weitere Eisenbahngesellschaften gegründet und in rascher Folge Strecken gebaut. Hatten zwischen 1835 und 1838 nur kurze Verbindungslinien zwischen wenigen nahe beieinanderliegenden Städten existiert, so waren bis 1846 bereits große regionale Netze entstanden. Kein Zweifel, die Eisenbahnen eroberten in einer rasanten Geschwindigkeit den Raum und beflügelten zugleich die Phantasie der Aktionäre, Bankiers und Industriellen. Der Bauboom wirkte auf die deutsche Wirtschaft zurück und beförderte den Aufschwung von Eisenindustrie und Kohleförderung. Nicht nur, weil die Eisenbahn selbst großen Bedarf an diesen Grundstoffen besaß, sondern weil sie bei deren Transport und Verteilung eine bedeutende Effizienzsteigerung bewirkte. Der Frachtverkehr nahm zwischen 1840 und 1913 von 3,2 Millionen auf über 61 Milliarden Tonnenkilometer zu und wies damit noch größere Steigerungsraten auf als die Personenbeförderung, die von 62 Millionen auf 41 Milliarden Personenkilometer gesteigert werden konnte. Mit der Ausbreitung des Systems wurden nun auch in Deutschland immer mehr Lokomotiven- und Waggonfabriken gegründet. Nach 1850 konnten die Importe aus England durch eigene Produktionen ersetzt werden, und eigenständige Weiterentwicklungen trieben die Steigerung der Leistungsfähigkeit voran. Schnelligkeit und Betriebssicherheit nahmen zu, der Reisekomfort wuchs, ebenso für alle Transportbelange die Spezifikation der Güterwagen…





