Die zentrale These des Buchs weist der Judenverfolgung, insbesondere der antijüdischen Gewalt, eine zentrale Funktion für die nationalsozialistische „Volksgemeinschaftspolitik“ zu: Die antijüdische Gewalt vor Ort als öffentlicher Rechtsbruch sieht Wildt als eine Form der Selbstermächtigung der Volksgemeinschaft, in der sie sich praktisch realisierte und ihrer selbst vergewisserte. Zu Recht weist er auf das gemeinschaftstiftende Moment von Gewalt hin, denn mit dem Ausschluss der Opfer korre-spondiert der Einschluss der Mittäter und Zuschauer.
Die antisemitische Gewaltpolitik wird in chronologischer Folge für die Jahre von 1919 bis 1939 analysiert. Bezüglich der Schwerpunkte antijüdischer Ausschreitungen im Herbst 1923 und von 1930 an kommt der Verfasser kaum über die bisherige Forschung hinaus. Sehr ausführlich werden der Aprilboykott von 1933 und die Boykottaktionen der folgenden Jahre vorge‧stellt. Die Tatsache, dass diese Forderungen und Aktionen oft von mittelständischen Geschäftsinhabern ausgingen, verweist auf den engen Zusammenhang von Interessen- und Gewaltpolitik. Es gab in dieser Phase aber durchaus noch „Volksgenossen“, die Kontakt zu Juden hielten. Hier arbeitet Wildt eine bislang wenig beleuchtete Funktion der NS-Gewalt heraus, nämlich dass sie sich auch gegen diese „Abweichler“ richtete, um sie in die „Volksgemeinschaft“ hin-einzuzwingen.
Blickt man nur auf die reichsweit angeordneten und zeitlich begrenzten Aktionen, wie die Boykottaktion vom April 1933, die gesteuerten Gewaltaktionen im Sommer 1935 oder die Novemberpogrome, so ergibt sich ein falsches Bild, das den steten Strom von Boykottaktionen und anderen Formen der Alltagsgewalt ausblendet, der von örtlichen SA-, SS- und NSDAP-Formationen, von Nachbarn und häufig auch von Kindern und der HJ ausging.
Der Verfasser sieht zwar keinen zwangsläufigen Weg von den Gewaltaktionen zum Völkermord, doch wertet er die entgrenzte Gewaltbereitschaft von 1933 bis 1939 durchaus als Vorbereitung auf die antijüdischen Gewaltakte von Wehrmachtssoldaten im Krieg. Wildt hat mit diesem Buch einen wichtigen Baustein zum Verständnis der Formen und Funktionen der nationalsozialistischen Judenpolitik vorgelegt.
Rezension: Bergmann, Werner




