Viren kennt man seit etwa 100 Jahren, das heißt, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat man bemerkt, dass Viren kein giftiger Schleim sind, wie es das ursprünglich lateinische Wort besagt, sondern vielmehr als Partikel in Bakterien und andere Zellen eindringen und sich in ihnen vermehren. Besonders gut erforscht wurden zunächst die Viren, die nur Bakterien befallen. Für sie hat sich als eigenständiger Name das Wort Bakteriophage oder kurz Phage durchgesetzt. Sie galten als raffiniert konstruierte, ansonsten aber schlichte Gebilde, die eigentlich tot sind und erst in den Zellen zu leben beginnen, in die sie eingedrungen sind. Bis den Biologen etwas auffiel: Wenn es einem Phagen gelungen ist, ein Bakterium zu besetzen, meldet es seinen Erfolg, um so die Aktivität seiner wartenden Kollegen zu koordinieren, die jetzt Mut bekommen, ihre Angriffe zu starten.
Mit anderen Worten: Phagen führen ein soziales Leben, und inzwischen können Biomediziner Ähnliches bei den Viren vermelden, die Masern oder Polio verursachen. Sie senden nicht nur spezifische Signale an ihresgleichen, sondern können darüber hinaus auch andere Viren belauschen und deren Angriffsvorbereitungen ausspionieren. Die Phagen können sogar feststellen, ob die von ihnen befallenen Bakterien sich wehren und dann deren Gegenangriff stoppen.
Es ist nicht zu glauben: Bereits auf der untersten Stufe organisiert sich das Leben als soziales Gefüge. Man kann hoffen, dass sich mit diesen neuen Kenntnissen der viralen Gesellschaft die Regeln des evolutionären Spiels besser verstehen lassen, das die mikrobiellen Bewohner des Planeten zusammen mit uns Menschen spielen, auch wenn wir in der aktuellen Krisenzeit durch virale Infektionen hart bedrängt werden. Der Planet ist nicht nur voller Menschen, sondern auch voller Krankheitserreger, die um ihren Platz kämpfen. Wie wäre es, wenn die Menschen die Viren ihres Lebens ernst nehmen und ihnen denselben Rang zuweisen würden, den sie der Gesundheit geben? Dann könnte man tatsächlich von ihrer Würde sprechen. Wenn dies den Vätern und Müttern des Grundgesetzes zu Ohren gekommen wäre, sie hätten es nicht geglaubt.





