Bei einem Tinnitus handelt es sich um Phantomgeräusche, die im Gehirn des Betroffenen entstehen. Ursachen können unter anderem Stress, Verspannungen oder ein Knalltrauma und andere Schäden an den Haarzellen des Innenohres sein. Bislang gibt es nur wenige wirksame Behandlungen. Krankenkassen bezahlen zum Beispiel das sogenannte Retraining, bei dem Betroffene unter ärztlicher und psychologischer Anleitung lernen, die Ohrgeräusche auszublenden. Ein neuer Therapieansatz setzt darauf, die Ursache im Gehirn zu behandeln: Durch elektrische Impulse sollen die Nervensignale so moduliert werden, dass sich die Ohrgeräusche langfristig verringern.
Verschiedene Stimulationsmuster getestet
Forscher um Brendan Conlon von Neuromod Devices, einem Anbieter von Medizingeräten, sowie dem Trinity College in Dublin haben diesen Ansatz nun in einer klinischen Studie an 326 Tinnituspatienten getestet. Dabei setzten sie auf sogenannte bimodale Neuromodulation, die elektrische Stimulation und akustische Signale kombiniert. Denn früheren Studien zufolge erhöht die elektrische Stimulation von Kopfhaut, Nacken oder Zunge die Plastizität in weiten Teilen des Gehirns. Die akustischen Signale wiederum aktivieren spezifisch die Hirnregionen, die fürs Hören zuständig sind. In Tierstudien hat die bimodale Neuromodulation bereits vielversprechende Ergebnisse gezeigt, und auch eine Pilotstudie an menschlichen Probanden verlief positiv.
Wie das Team um Conlon in der aktuellen Veröffentlichung darlegt, gibt es allerdings zahlreiche Variablen, die die Wirksamkeit beeinflussen können: Wo genau, in welcher Intensität und in welchen Abständen werden die elektrischen Impulse gesetzt? Sind sie synchron zu den akustischen Signalen oder zeitlich verzögert? Und welche Tonfrequenzen werden verwendet? Um alle möglichen Kombinationen zu testen, wären tausende Probanden erforderlich. Aus Gründen der Machbarkeit entschieden sich die Wissenschaftler, ihre Probanden in lediglich drei Gruppen aufzuteilen, in denen verschiedene Faktoren der Therapie variiert wurden. Auf diese Weise konnten sie mehrere Therapieschemata parallel testen. Der Nachteil dieses Vorgehens ist jedoch, dass sie mögliche Effekte nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen können. Da sie außerdem auf eine Kontrollgruppe verzichteten, ist unklar, wie groß die Wirkung im Vergleich zu einer Scheinbehandlung ist.
Schnelle und langfristige Besserung
Alle drei Gruppen wurden angewiesen, über zwölf Wochen hinweg täglich eine Stunde lang ein Gerät von Neuromod Devices anzuwenden, das ein bestimmtes Muster elektrischer Impulse an die Zunge abgibt und gleichzeitig über Kopfhörer Geräusche abspielt. Bei Gruppe 1 waren die Impulse und die Geräusche gleichzeitig und die vorgespielten Töne deckten ein weites Frequenzspektrum von sehr tief bis sehr hoch ab. In Gruppe 2 war das Frequenzspektrum genauso, die Töne und elektrischen Impulse waren aber zeitlich leicht versetzt. Gruppe 3 hörte nur tiefe Töne, die überdies eine deutlich längere Verzögerung gegenüber den elektrischen Impulsen hatten.





