Der Islam gilt allgemein als Gesetzesreligion. Wie alle derartigen Kurzformeln trifft auch diese womöglich nicht den Wesenskern, wohl aber wesentliche Züge dessen, wie ihre Angehörigen sie bis heute realisieren. Dies allerdings ist so vielgestaltig und flexibel, daß es geradezu unstatthaft sein mag, überhaupt von Islam im Singular zu sprechen. Doch kann man Begriffe auch bis zur realitätsfernen Auflösung problematisieren, so daß sich dem prüfenden Blick anstelle des Waldes nur noch Bäume zeigen.
Sicherlich lassen sich 1400 Jahre Geschichte auf einem Territorium, das heute von der atlantischen Küste Nord- und Westafrikas bis Indonesien und von Kasachstan und Sinkiang bis Schwarzafrika reicht, nicht leicht auf wenige Seiten komprimieren. Dennoch soll hier eine einführende Skizze versucht werden. Dabei ist, um es plakativ zu formulieren, auf der realen Vielheit in der Einheit zu bestehen – trotz Gemeinsamkeiten in den dogmatischen Grundlagen und Übereinstimmung in den religiösen Grundpflichten (die „fünf Pfeiler des Islam“ umfassen das monotheistische Glaubensbekenntnis, das nach Mekka gerichtete Gebet, die Almosengabe, das Fasten während des Ramadan, die Wallfahrt nach Mekka). Zwar haben sich konfessionelle Identitäten erst in einem Jahrhunderte währenden Prozeß herausgebildet, erste Spaltungen traten aber schon knapp drei Jahrzehnte nach Mohammeds Tod in der Gemeinde seiner Anhänger auf…
Was ist „dschihad“? Dschihad bedeutet wörtlich „Anstrengung bei der Abwehr von etwas/jemandem“ und übertragen „religiös geforderter Kampf“, meist gegen Nicht-Muslime. Die Unschärfe des Begriffs in seiner koranischen Verwendung gibt bis heute Anlaß zu ideologisch begründeten Auslegungen. Dagegen ist festzuhalten: 1. Seit Mohammeds Lebzeiten besteht ein Konsens, die einschlägigen koranischen Passagen als bewaffneten Kampf der umma auszulegen; 2. In der Sufik wurde die Lehre vom „größeren dschihad“ entwickelt, womit die anhaltende geistliche Anstrengung im Kampf gegen die selbstischen und widergöttlichen Impulse des eigenen Selbst gemeint ist. Je nach Zusammenhang sind beide Bedeutungen bis heute gebräuchlich, und je nach Adressat bzw. Opportunität wird meist einer der beiden hervorgehoben.
Traditionale Lehre: Die Aufrufe des Korans zur „Anstrengung auf dem Wege Gottes“ verschärften sich im Lauf des 22jährigen Offenbarungsprozesses. Eine eindeutige Auslegung der Gesamtintention des Textes wird dadurch erschwert, wenn nicht unmöglich. Gegen Ende von Mohammeds Leben jedenfalls geht es klar um bewaffnete Selbstverteidigung der umma gegen nicht-muslimische Gegner, wobei die Übergänge von Defensive zu Offensive fließend sind. Sofort nach Mohammeds Tod wurde dschihad als kollektive Pflicht zur Unterwerfung der Welt unter die Herrschaft des Islam verstanden, und dies blieb bis weit in die Osmanenzeit hinein das Fundament der islamischen Kriegsrechtslehre.





