Wie bitte, Wissenschaft liefert verzerrte Ergebnisse? Und ist den Forschern tatsächlich öfter nicht bewusst, in welcher „Verzerrungsgefahr“ sie sich befinden, wenn sie gewisse experimentelle Methoden verwenden? Etwa weil sie deren Unschärfen und Grenzen nicht kennen oder wahrhaben wollen? Das wäre in der Tat „kaum zu glauben“.
In aller Regel dürfte es in solchen Fällen jedoch umgekehrt sein: Die Forscher wissen, dass die Methodik nicht hundertprozentig reif für die Klärung des Problems ist – und damit ist ihnen auch bewusst, dass sie ihnen womöglich keine sattelfesten Ergebnisse liefern wird. Aber was sollen sie in solch einem Fall machen? Auf Experimente verzichten? Dann würden sie natürlich gar nichts dazu lernen. Ist es also nicht allemal besser, die suboptimale Methodik trotzdem anzuwenden – um zumindest mal vorläufig nachzuschauen, welche Resultate man damit erhält? Schließlich könnte man so wenigstens eine Ahnung davon bekommen, welcher Art die „echte“ Antwort sein könnte – um sich in der Folgezeit mit zunehmend ausgereiften oder gar neu entwickelten Methoden Stück für Stück weiter an das wahre Bild heranzutasten.
Zugegeben, das klingt nicht gerade nach glasklarer Wissenschaft. Dennoch laufen Studien mehrheitlich nach diesem Muster des Nach-und-nach-Herantastens ab. Nicht zuletzt zeigt die aktuelle Forschung rund um die Corona-Pandemie dies sehr eindringlich.
Hodengewebe in Paraffin
Doch greifen wir zur Illustration dieses Musters auf ein Beispiel aus der Wissenschaftsgeschichte zurück, das der US-amerikanische Insektenforscher Theophilus Painter lieferte, als er 1923 verkündete, dass wir Menschen über einen doppelten Satz von 48 Chromosomen verfügen. Zuvor hatte er Hodengewebe in Paraffin eingebettet, Dünnschnitte davon hergestellt, die Zellen nach allen Regeln der damaligen Kunst gefärbt – und schließlich versucht, unter dem Mikroskop in dem Durcheinander auseinandergezogener DNA-Fäden die Chromosomen zu zählen. Nach den Bildern, die Painter damals von seinen Schnitten zeichnete, muss ihm klar gewesen sein, dass seine Methodik kein eindeutiges Ergebnis liefern konnte. Aber besser ging es damals eben nicht.
Umso mehr staunen die Experten, dass Painter mit seiner Zahl nur knapp daneben lag, wenn sie sich heute dessen quasi unauswertbare Bilder anschauen. Damals allerdings bekamen auch andere keine besseren Chromosomen-Präparate hin, sodass es 30 weitere Jahre nicht möglich war, Painters falsches Ergebnis zu entzerren. Erst 1956 gelang es den beiden Zytogenetikern Joe Hin Tjio und Albert Levan, die Entwicklung von Zellen durch Zugabe des Herbstzeitlosengifts Colchicin in der Metaphase des Zellzyklus auflaufen zu lassen – also genau in der Phase kurz vor der Zellteilung, in der sich die DNA-Fäden samt den beteiligten Proteinen kompakt zu der Art diskreter Chromosomen verdichten, wie wir sie aus einschlägigen Bildern kennen. Doch diese Anreicherung sogenannter stark kondensierter Chromosomen alleine genügte noch nicht. Danach mussten die beiden Forscher ihre Metaphasen-Zellen noch mit einer hypotonen Lösung zum Platzen bringen, um die Chromosomen aus dem Kern herauszuschwemmen und nebeneinander aufzureihen. Erst dann erhielten sie eindeutige Präparate, mit denen sie die Zahl unseres doppelten Chromosomensatzes unter dem Mikroskop zweifelsfrei auf 46 korrigieren konnten.





