„Es wird eine Pandemie durch ein Influenzavirus geben, da sind sich alle Experten einig”, erklärt Udo Buchholz vom Robert-Koch-Institut (RKI). Die Frage ist lediglich, wann. Nur wenige andere Erreger haben das Potenzial dieses Erregers. Dreimal wütete das Virus im vergangenen Jahrhundert: Durch die Spanische Grippe kamen 1918 bis 1919 weltweit schätzungsweise 40 Millionen Menschen ums Leben. 1957 brach die Asiatische Grippe aus, 1968 die Hongkong-Grippe. Momentan sei die Gefahr einer neuen Influenza-Pandemie so groß wie seit 1968 nicht mehr, teilt die Weltgesundheitsorganisation mit. Dabei erscheint uns das Grippevirus so vertraut: Im vergangenen Winter, so schätzen die Experten des RKI, trugen immerhin 2,7 Millionen Deutsche, die wegen Fieber, Mattigkeit und Husten den Arzt aufsuchten, Influenza-Viren in sich. Was macht diese Viren so unberechenbar und gefährlich? Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als perfekte Verwandlungskünstler. Sie schaffen es immer wieder aufs Neue, unser Immunsystem zu überlisten. Die bei einer Infektion gebildeten Antikörper können beim nächsten Kontakt mit dem Virus dessen inzwischen veränderte Angriffspunkte, die Antigene, nicht mehr erkennen und bieten keinen Schutz.
riskanter GeN-Austausch
Die große genetische Variabilität des Virus wird durch zwei Mechanismen verursacht. Der erste ist die Mutation. „Gerade in Viren mit Ribonukleinsäure als Erbinformation findet sie oft statt”, erklärt Dieter Hoffmann vom Institut für Virologie der Technischen Universität München. Zusätzlich haben Influenza-Viren die Möglichkeit, untereinander Gen-Abschnitte auszutauschen. „Die Voraussetzung dafür ist, dass sie sich sehr nahe kommen, also zum Beispiel gemeinsam eine Zelle infizieren”, erklärt Hoffmann. Dieser Mechanismus macht den Experten Sorgen.
Denn es gibt einige Virus-Kombinationen, die für den Menschen verheerend wären. So haben sich verschiedene Virusstämme des Grippe-Erregers auf bestimmte Wirte spezialisiert. Wichtig sind die Erreger des Typs A und B. Typ B befällt fast ausschließlich den Menschen. Das Influenza-A-Virus kann alle Wirbeltiere infizieren, hauptsächlich ist der Erreger aber in Wasservögeln zu finden. E wird anhand seiner Oberflächenproteine Hämagglutinin und Neuraminidase in weitere Subtypen unterteilt. 16 verschiedene H- und 9 N-Varianten sind bekannt, darunter die Variantenkombination H5N1. Das Kürzel steht für das gefährliche Vogelgrippe-Virus, das auch Menschen befallen kann.
Das Hämagglutinin wirkt wie ein Schlüssel, mit dem die Erreger die Tür zu bestimmten Zellen ihres Wirts aufschließen: Sie docken damit an passende Rezeptoren an und gelangen ins Zellinnere. Diese Rezeptoren sind von Zelltyp zu Zelltyp unterschiedlich. Würde sich ein für Menschen gefährliches Vogelgrippe-Virus wie H5N1 mit einem anderen Virus so austauschen, dass es effektiv von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte, wäre das Ergebnis ein Pandemie-Virus. Möglich wäre ein Zusammentreffen der Viren etwa in Menschen, die unter Influenza leiden und sich gleichzeitig mit der Vogelgrippe anstecken. Bisher haben sich weltweit 327 Menschen mit dem H5N1-Vogelgrippe-Virus infiziert, 199 starben (Stand August 2007). Auch im Schwein könnten die Virusstämme einander begegnen und Gene austauschen, da das Tier für beide Varianten ein möglicher Wirt ist.
Für den Fall einer Influenza-Pandemie, so heißt es im Anhang des Pandemieplans des Robert-Koch-Instituts, sei bei angenommenen 30 Prozent Erkrankten in Deutschland mit etwa 100 000 Toten zu rechnen. Allerdings wurde diese Zahl auf der Basis der Pandemien von 1957 und 1968 errechnet, als es die neuen, gegen die Influenza-Viren gerichteten Medikamente noch nicht gab. Sie würden dieses Szenario stark abschwächen. Sämtliche Bundesländer halten antivirale Medikamente für den Fall einer Pandemie bereit. Den ersten Impfstoff gegen ein neues Virus wird es wahrscheinlich erst vier bis sechs Monate nach einem Ausbruch geben, weil der Herstellungsprozess sehr aufwendig ist.
Von den saisonalen Grippeviren geht dagegen kaum Gefahr für eine Pandemie aus. Trotzdem verursachen sie nach Schätzungen des RKI jedes Jahr durchschnittlich 10 000 Todesfälle in Deutschland. Ein bundesweites Expertennetz hat das Virus daher genau im Auge. 1000 Arztpraxen melden der Arbeitsgemeinschaft für Influenza (AGI) alle Fälle akuter Atemwegsinfektionen. Die Ärzte senden außerdem Abstriche aus dem Rachenraum der Patienten an das nationale Referenzzentrum für Influenza am Robert-Koch-Institut. Jedes Jahr Anfang Februar analysieren die Experten der Nordhalbkugel, ob man eine Anpassung des Impfstoffs vornehmen muss, erklärt Brunhilde Schweiger, die Leiterin des Referenzzentrums am RKI. Die Impfung wirkt bei 70 bis 90 Prozent der Geimpften so gut, dass sie eine Infektion verhindert, der Rest ist zumindest teilweise geschützt. ■





