Sie hebt ihren filigranen Hinterleib in die Höhe, führt den langen Legebohrer nach unten und sticht fast senkrecht ins Holz hinein. Zielgenau platziert die Holzwespen-Schlupfwespe ein Ei nach dem anderen auf die tief im Holz lebenden Larven der Holzwespe. Diese gefräßigen Wirtsorganismen richten vielerorts massive Forstschäden an. Die Eier der Schlupfwespe werden ihnen zum Verhängnis – fressen doch die geschlüpften Larven früher oder später die Holzwespenlarven auf. Aus dem Legestachel, wie ihn die Holzwespen-Schlupfwespe hat, entwickelte sich im evolutionären Stammbaum sehr viel später der für den Menschen schmerzhafte Insektenstachel. Mit ihrem Legestachel kann die Holzwespen-Schlupfwespe jedoch nicht stechen.
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von DANIELA KNOLL
Sie hebt ihren filigranen Hinterleib in die Höhe, führt den langen Legebohrer nach unten und sticht fast senkrecht ins Holz hinein. Zielgenau platziert die Holzwespen-Schlupfwespe ein Ei nach dem anderen auf die tief im Holz lebenden Larven der Holzwespe. Diese gefräßigen Wirtsorganismen richten vielerorts massive Forstschäden an. Die Eier der Schlupfwespe werden ihnen zum Verhängnis – fressen doch die geschlüpften Larven früher oder später die Holzwespenlarven auf. Aus dem Legestachel, wie ihn die Holzwespen-Schlupfwespe hat, entwickelte sich im evolutionären Stammbaum sehr viel später der für den Menschen schmerzhafte Insektenstachel. Mit ihrem Legestachel kann die Holzwespen-Schlupfwespe jedoch nicht stechen.
Rhyssa persuasoria ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass Wespe nicht gleich Wespe ist. Vielleicht einer der Gründe, warum das Senckenberg Deutsche Entomologische Institut Müncheberg die Holzwespen-Schlupfwespe 2025 zum Insekt des Jahres gekürt hat. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass es zahlreiche für den Menschen ungefährliche Wespenarten gibt. Interessanterweise leben die meisten Arten wie die Holzwespen-Schlupfwespe rein vegetarisch und ernähren sich von süßem Honigtau oder dem Saft von Kiefernnadeln. Der Zucker gibt ihnen die Energie zum Fliegen. Nur ihre Larven brauchen Fleisch, um sich zu entwickeln.
Die Holzwespen-Schlupfwespe gehört zur großen Gruppe der sogenannten Parasitica. „Das sind parasitische Wespen. Mehrere 10.000 Arten sind bekannt. Vielleicht können noch mehrere 100.000 entdeckt werden“, sagt Michael Ohl, wissenschaftlicher Leiter der Wespensammlung am Museum für Naturkunde Berlin. Nach neuen Arten zu suchen, sie wissenschaftlich zu beschreiben und zu erfassen, ist ein Arbeitsschwerpunkt des Entomologen Ohl.
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Experiment widerlegt Photosynthese-Paradigma
17. Juli 2026
Biologie-Lehrbüchern zufolge sind zwei Proteinkomplexe für die Photosynthese unverzichtbar – die Photosysteme I und II. Doch ein Experiment widerlegt dies nun.
Neben den Parasitica gibt es die Pflanzen- und Holzwespen (Symphyta) als weitere große Wespenfamilie. Dolchwespen, Grabwespen, Feldwespen sowie die größeren Gemeinen Wespen (Vespula vulgaris) und die Deutschen Wespen (Vespula germanica) gehören wiederum zu den stechenden Hautflüglern (Aculeata), auch Stechimmen genannt. Wildbienen zählen ebenso zu dieser Familie. „Bienen fallen unter den Wehrstachelimmen eigentlich aus dem Rahmen“, sagt Ohl, „denn bei fast allen anderen Hautflüglern sind die Larven Fleischfresser.“ Auch die Honigwespe ist eine Ausnahme: Wie die Bienen fliegt sie von Blüte zu Blüte und sammelt für ihre Nachkommen fleißig Nektar und Pollen ein.
Raupenjäger im Kohlbeet
Während Schlupfwespen als biologische Schädlingsbekämpfer schon lange geschätzt werden, sind die positiven Leistungen der stechenden Wespenarten bisher nur wenig erforscht. Erst 2024 hat ein Forschungsteam um Amy Toth, Entomologin an der US-amerikanischen Iowa State University, gezeigt, dass die stechenden Feldwespen ausgezeichnete Raupenjäger sind. In der Studie entfernten Feldwespen der Gattung Polistes nahezu alle gefräßigen Schmetterlingslarven von Brokkoli-Pflanzen. Die Wespen flogen dabei nicht nur über die Pflanzen hinweg, sondern krabbelten aktiv suchend zwischen den Blättern der Kohlpflanze umher, um ihre Raupenopfer aufzuspüren und sie anschließend zum Nest zu bringen. „Sie lieben vor allem die kleinen grünen, sehr weichen Raupen“, sagt Toth. Seit mehr als 25 Jahren forsche sie begeistert an Bienen und Wespen. „Ich habe mich schon immer für die weniger beliebten Lebewesen dieser Welt interessiert.“ Und Wespenexperte Michael Ohl ergänzt: „Feldwespen sind bei uns in Deutschland sehr häufig. Und sie sind sehr viel friedlicher und gelassener als beispielsweise die Arbeiterinnen der Deutschen und der Gemeinen Wespe.“
Wespen werden in vieler Hinsicht unterschätzt. Wenn sie beispielsweise andere Insekten jagen, um ihre Larven zu ernähren oder ihr Nest zu verteidigen, kontrollieren sie damit gleichzeitig deren Bestand. Manche Arten sind eine Art Gesundheitspolizei: Sie verwerten das Fleisch toter Tiere und reinigen dadurch die Umwelt. So verhindern sie, dass Kadaver krank machende Parasiten anziehen und zu infektiösen Bakterienherden werden, was dann auch für den Menschen gefährlich werden könnte.
So weit die positive Seite von Wespen – doch nicht alle idealen Eiweißquellen für die Wespenbrut sind für sie bestimmt, beispielsweise ein leckeres gegrilltes Steak. „Sie unterscheiden da schlichtweg nicht zwischen meinem Teller, einem Komposthaufen oder einem Mülleimer“, erklärt die Hautflügler-Expertin Melanie von Orlow vom Berliner Landesverband des Naturschutzbundes (NABU).
Die Biologin betreut in Berlin den sogenannten Hymenopteren-Dienst. Das ist ein Projekt, bei dem es um Beratung, Umsiedlung, aber auch um die Konfliktlösung rund um soziale – also in Insektenstaaten zusammenlebende – Hautflügler (Hymenopteren) geht. Die Bekanntesten unter ihnen sind die Deutsche und die Gemeine Wespe. „Diese Wespenarten sind Aasfresser. Sie sind große Verwerter von herumliegenden Proteinen. Und das machen sie auch sehr gründlich“, sagt von Orlow. Da deren Insektenstaat teilweise mehrere Tausend Individuen umfasst – bei der Gemeinen Wespe sind es beispielsweise bis zu 12.000 Tiere – begegnet man sehr vielen von ihnen. Es gibt aber auch in viel kleineren Verbänden lebende Arten, etwa die Feldwespen mit nur rund 30 Tieren in einem Nest.
Die typische Lebensweise eines stechenden Hautflüglers ist aber, dass jedes Weibchen sich allein um seinen Nachwuchs kümmert. „Wobei nur sehr wenige Wespenarten in Insektenstaaten leben“, erklärt Michael Ohl. „Das Sozialleben von Wespen ist innerhalb der stechenden Hautflügler also eine besondere und eher seltene Verhaltensweise. Von den vielen Hundert Wespenarten, die es allein in Deutschland gibt, sind – je nach Zählung – nur elf sozial.“
Viele Menschen finden es lästig, von Wespen umkreist zu werden, oder haben sogar Angst vor einem Stich. Besonders störend sind die Wespen am Esstisch. In dem Fall empfiehlt Melanie von Orlow, der Wespe ruhig „mal einen vor den Latz zu geben“ und sie mit der Hand oder einer Speisekarte wegzuwedeln. „Sie lernt, dass der Ort, der lecker riecht, mit Gefahren verbunden ist“, erklärt von Orlow. „Ich kann und muss der Wespe auch zeigen: Du kommst hier nicht so einfach an mein Essen ran. Sobald die erste Wespe auftaucht, einfach temporär ein Glas über sie stülpen, damit sie nicht die anderen zum Essen ruft.“ Die Beobachtung, dass auf eine einzelne Wespe oft rasch viele weitere folgen, ist sowohl für die Gemeine als auch für die Deutsche Wespe belegt. Wenn eine Wespe Nahrung gefunden hat, legt sie eine Duftspur und nutzt im Nest akustische Klopfsignale, um ihre Mitbewohnerinnen auf den Fund aufmerksam zu machen.
Abneigung aus Unwissen
Aber sind es nur die Erfahrungen am Kaffeetisch oder im Biergarten, die die Abneigung gegen Wespen begründen? Und wie groß ist die Ablehnung wirklich? Um das herauszufinden, wurde an der Technischen Universität München von einem Forschungsteam um die Ökologin Julia Schmack eine Studie durchgeführt, bei der rund 120 Gärtner in Gemeinschaftsgärten nach ihrer Beziehung zu verschiedenen Insektengruppen befragt wurden. Das Ergebnis: Während beim Anblick einer Biene die häufigsten Gefühle Faszination und Zuneigung (je 29 Prozent) waren, war das häufigste Gefühl beim Anblick einer Wespe Angst (23 Prozent). Kaum jemand empfand Zuneigung (knapp 4 Prozent). Dass die Wespe ein Schädling sei, war dabei noch eine der netteren Bezeichnungen für die Wespe, wie Schmack und ihre Kolleginnen in ihrer 2024 publizierten Studie schreiben. Die Gründe seien vermutlich negative Erfahrungen mit Wespen und fehlendes Wissen über ihre ökologischen Funktionen. „Wir haben auch das Hintergrundwissen zu Wespen abgefragt. Dabei zeigte sich, dass Personen, die mehr über die Tiere wussten, positivere Emotionen gegenüber Wespen hatten“, ergänzt Schmack. Daran müsse man wohl ansetzen, schlussfolgern die Wissenschaftlerinnen, wolle man das Image der Wespen verbessern.
Dass Bienen zu den beliebtesten und bekanntesten Hautflüglern zählen, Wespen dagegen nicht, hat Seirian Sumner, Verhaltensökologin am University College London, schon in einer 2018 durchgeführten Studie gezeigt. Gut ein Viertel der 700 Befragten dachte bei Bienen an Honig, bei Wespen an den Stachel. Sowohl in dieser als auch in der Studie von Julia Schmack traute – im Gegensatz zur Biene – kaum jemand der Wespe zu, Blüten zu bestäuben. Doch damit lagen sie falsch. Wie Bienen nehmen auch Wespen genauso wie die zahlreichen anderen Hautflügler-Insekten mit ihren Körpern Pollen auf und tragen sie zur nächsten Blüte, wenn sie in den blühenden Wiesen, Gärten und Feldern nach Nektar suchen oder ihrer kleinen Insektenbeute auflauern.
Wissenschaftliche Studien speziell zur Bestäubungsleistung von Wespen sind selten, aber es gibt sie. „Wir sammelten Bienen und Wespen und sperrten sie zusammen mit verschiedenen Blühpflanzen in eine kleine Box“, beschreibt Amy Toth eine ihrer vergangenen Studien. „Dann warteten wir darauf, dass eine der Blüten von einer Biene oder einer Wespe besucht wird. Anschließend verfolgten wir ihren Flug bis zur nächsten Blüte.“ Das war der Moment, an dem die zweite Blüte mit dem Pollen der ersten Blüte bestäubt werden konnte. „Und dann nahmen wir diese zweite Blüte, legten sie unter das Mikroskop und zählten die Pollen.“ Das Ergebnis war eindeutig: Die von der Wespe bestäubten Blüten trugen in etwa genauso viele Pollen wie die Blüten, die von einer Biene angeflogen worden waren. Das mag daran liegen, dass es schließlich auch nicht die Absicht einer Biene ist, Pollen zu Blüten zu tragen, sondern sie gut verpackt an ihren Hinterbeinchen nach Hause zu ihrem Nachwuchs zu bringen.
Wie der World Wide Fund for Nature (WWF) und andere mahnen, ist die Gesamtbiomasse der Fluginsekten weltweit in den letzten Jahren um mehr als 75 Prozent zurückgegangen. Das betrifft auch die ungeliebten Wespen. Sie brauchen daher doppelte Unterstützung. Die Ökologin Julia Schmack vermittelt ihr Wissen beispielsweise in Vorträgen. „Die Leute sind meistens total überrascht, wenn sie erfahren, wie viele verschiedene Lebensweisen es bei den Wespen gibt und wie vielfältig und divers sie sind. Manche sind auch ehrlich berührt, dass sie die Arten eigentlich gar nicht kennen.“ Schmack schafft auch direkte Begegnungen: „Zunächst zeige ich ein inaktives Nest, und alle sind von der feinen Neststruktur begeistert“, sagt die Ökologin. In einem nächsten Schritt könne man in Begleitung den Feldwespen beim Nestbau zuschauen, zum Beispiel in einem Gartenschuppen oder unter einem Dachvorsprung. „Wenn die Angst nicht mehr da ist, kommt bei den meisten Menschen Neugier oder Faszination auf. Und die Erkenntnis, dass die Wespen auch nur friedlich ihr Leben leben wollen.“
Insgesamt habe sich das Image der Wespen in den letzten Jahren schon verbessert, weiß Melanie von Orlow aus ihrer Beratungsarbeit beim NABU. Viele Menschen seien inzwischen bereit, ein Wespennest in ihrer Nähe zu akzeptieren und das gemeinsame Zusammenleben auszuprobieren. ■
DANIELA KNOLL ist früher immer vor Wespen weggelaufen. Inzwischen weiß die Biologin, dass viele gar nicht stechen können.
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