Hin und wieder blieben jedoch Restzweifel. Denn woher sollte man wissen, ob etwa das isolierte Enzym im Reaktionsgefäß wirklich genau dasselbe macht wie in dem komplexen Durcheinander einer lebenden Zelle? Und woher sollte man wissen, ob die Struktur einer Komponente sich nicht durch die rüden Vorgänge bei der Präparation grundlegend verändert hatte?
Doch zum Glück werden die in der Bioforschung verwendeten Verfahren immer weiter verfeinert, oder es betreten gar gänzlich neue Methoden die Bühne, sodass man stets noch einmal genauer nachschauen kann.
Einen regelrechten Sprung erlebte in dieser Hinsicht zuletzt etwa die Mikroskopie – allein schon deshalb, weil man in jüngster Zeit Methoden und Geräte entwickelt hat, für die man überhaupt keine Präparate mehr herstellen muss, sondern gleich hochauflösend und dreidimensional in intakte Zellen hineinschauen kann. Und was war die Erkenntnis daraus? Tatsächlich wurden einige gut beschriebene Strukturen vermeintlicher Zellkomponenten als Präparationsartefakte entlarvt.
Ein Beispiel: In elektronenmikroskopischen Präparaten aufgebrochener Zellkerne finden sich sehr häufig Fasern aus DNA/Protein-Komplexen, die ziemlich genau 30 Nanometer dick sind. Bis vor einigen Jahren war daher in allen Lehrbüchern von sogenannten „30-Nanometer-Chromatinfasern“ zu lesen, zu denen die DNA mit Proteinen im Zellkern aufgefädelt sei. Doch mit den neuen Mikroskopie-Verfahren suchen die Spezialisten sie in lebenden Zellen seither vergeblich. Offenbar entstehen die Fasern tatsächlich erst, wenn die Zellen beim Präparieren der Chromosomen zerstört werden. „Im wirklichen Leben“ kommen sie dagegen nicht vor.
„Komische Signale“ aus dem Gel
Umgekehrt wurden experimentelle Befunde des Öfteren aber auch zu voreilig als pure Artefakte abgetan. Das womöglich eindringlichste Beispiel hierfür zeigte sich bei der sogenannten Gelelektrophorese von mRNA-Proben. Hierbei werden die Biomoleküle mithilfe elektrischer Felder durch ein Gel gezogen, wobei kleine Moleküle schneller durch das Gel wandern als große. Auf diese Weise lassen sich die verschiedenen Arten von Molekülen in der mRNA-Probe räumlich voneinander trennen.
Lange dürften die Spezialisten dabei immer wieder „komische Signale“ gesehen haben, wo niemand etwas Sinnvolles erwartete – nämlich ganz weit vorn im Gel, wo sich keine langen mRNA-Ketten ansammeln, sondern nur kleine Moleküle. Schnell war ihr Urteil daher gefällt: Die Signale entstehen durch unspezifische Abbaufragmente der langen mRNAs, die jetzt in der Gelelektrophorese vorneweg schwimmen – experimenteller Abfall also, der durch die Prozedur entsteht und keinerlei biologische Funktion hat. Plausibel schien das allemal, da RNA-Ketten instabiler sind als ihre DNA-Pendants und zudem überall Enzyme lauern, die diese allzu gern kleinknabbern. Also dachten sie nicht weiter über die Signale nach – auch wenn ihnen diese in jedem Gel von Neuem begegneten.





