von CHRISTIAN WOLF (Text) und LINUS SCHILLING (Illustrationen)
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Eben noch flog man durch die Luft, sprach mit längst Verstorbenen oder bestand Prüfungen, die nie stattgefunden haben. Doch nach dem Aufwachen bleiben nur noch Fetzen des Traums übrig. Träume verflüchtigen sich oft, bevor wir richtig wach sind. Warum vergisst das Gehirn Träume so leicht? Und wieso können sich manche Menschen scheinbar an jedes Detail erinnern, während andere schon Sekunden nach dem Aufwachen nichts mehr wissen?
Unser Schlaf lässt sich in vier Schlafphasen einteilen: Neben der Einschlafphase, der Leichtschlafphase und der Tiefschlafphase gibt es den sogenannten REM-Schlaf, benannt nach den „Rapid Eye Movements“, den schnellen Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern. Träumen können wir in allen Schlafphasen, aber während der REM-Schlafphase am häufigsten und intensivsten. In dieser Phase ist das Gehirn fast so aktiv wie im Wachzustand, die perfekte Bedingung für bunte Fantasiewelten.
„Wir träumen viel häufiger, als wir uns daran erinnern können“, sagt der italienische Neurowissenschaftler Gulio Bernardi von der IMT School for Advanced Studies Lucca in Italien. Das würden Laborexperimente zeigen. Um das Träumen zu erforschen, wecken Wissenschaftler Versuchspersonen im Schlaflabor auf. Die Probanden können dann direkt nach dem Aufwachen von ihrem Traum berichten. Die Freiwilligen würden in mindestens 75 Prozent der Fälle von irgendeiner Form von Traumerfahrung berichten, so Bernardi. Das deute darauf hin, dass wir fast die ganze Nacht träumten und nicht nur gelegentlich. „Die meisten dieser Erfahrungen hinterlassen jedoch keine Spuren im Gedächtnis“, so der Neurowissenschaftler. „In der Regel erinnern wir uns nur an die Träume, die kurz vor dem Aufwachen auftreten.“ Und wenn man sich nicht schnell auf den Traum konzentriert und ihn im Kopf nachstellt, verblasst die Erinnerung meist innerhalb von Sekunden bis Minuten, insbesondere wenn die Aufmerksamkeit von äußeren Reizen abgelenkt wird.
Vom Schlaf- in den Wachmodus
„Was das Erinnern an Träume schwierig macht, ist das Umschalten des Gehirns vom Schlafmodus in den Wachmodus“, sagt Michael Schredl, Traumforscher und wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Das Umschalten geht nicht mit einem Klick.“ Obwohl man subjektiv den Eindruck habe, plötzlich wach zu sein, sei das physiologisch ein langsamer Prozess von mehreren Minuten. Dabei könnten die Träume verloren gehen. Entscheidend ist, aus welcher Schlafphase man aufwacht. „Im REM-Schlaf ist das Gehirn sehr aktiv“, sagt Schredl. „Wenn man aus dieser Schlafphase aufwacht, dauert das Umschalten nicht so lange, wie wenn man aus dem Tiefschlaf erwacht.“ Deshalb erinnere man sich an solche Träume besser als an Träume aus der Tiefschlafphase.
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Dass wir uns direkt beim Aufwachen besser an Träume erinnern als Minuten und Stunden später, hängt laut Schredl damit zusammen, dass das Gehirn zu diesem Zeitpunkt noch näher am Schlafmodus dran ist. „Je wacher man wird, desto mehr wird umgeschaltet in den Wachmodus und desto schlechter erinnert man sich an den Traum.“
Das Gehirn ist auch gar nicht darauf programmiert, sich an Träume zu erinnern. Ganz im Gegenteil: „Das Gehirn ist während des Schlafs nicht darauf konzentriert, neue Erinnerungen zu speichern“, sagt Guilio Bernardi. Vielmehr fokussiere sich unsere Denkzentrale darauf, bereits bestehende Erinnerungen zu verarbeiten und neu zu ordnen. „In gewisser Weise sind Träume geradezu dazu bestimmt, vergänglich zu sein.“ Denn während des Schlafs findet die sogenannte Gedächtniskonsolidierung statt, also das Verfestigen von Erinnerungen an Dinge, die wir im Wachzustand erlebt oder erfahren haben.
Es gibt verschiedene biologische Faktoren, die die Erinnerung an Träume erschweren. Sogar wenn uns Träume im REM-Schlaf ereilen. Einer Theorie von Andrea Becchettia und Alida Amadeo von der Universität Mailand zufolge spielen unter anderem bestimmte Botenstoffe im Gehirn eine wichtige Rolle. Während wir wach sind, wirken die Botenstoffe Acetylcholin und Noradrenalin gemeinsam daran mit, dass wir aufmerksam sind und Erinnerungen speichern können. Noradrenalin ist besonders wichtig dafür, dass sich Erinnerungen festigen und wir so Dinge langfristig abspeichern. Im REM-Schlaf bleibt der Level an Acetylcholin hoch und hält die Hirnrinde aktiv. Daher sind Träume besonders lebhaft. Gleichzeitig sind aber durch einen niedrigen Spiegel von Noradrenalin Gedächtnisprozesse blockiert.
Trotz dieser erschwerten Bedingungen können wir uns bis zu einem gewissen Grad an Traumgeschehen erinnern. Wie gut das im Einzelfall klappt, hängt unter anderem von unseren Hirnwellen ab, wie eine 2025 veröffentlichte Studie zeigt. Die Neurophysiologin Bindu Kutty vom National Institute of Mental Health and Neuro Sciences im indischen Bengaluru untersuchte mit Kollegen, welche Hirnwellen mit einer besseren Traumerinnerung einhergehen. Dafür brachten sie auf dem Kopf ihrer Probanden Elektroden an, um Messungen per Elektroenzephalogramm (EEG) durchzuführen. Das Gehirn sendet ständig elektrische Signale aus – und diese schwanken rhythmisch in verschiedenen „Frequenzen“. Die Forscher um Kutty untersuchten die Aktivität des Gehirns im Zeitraum von 60 Sekunden, bevor ihre Probanden im Schlaflabor durch einen Alarmton geweckt wurden. Konnten sich die Probanden nach dem Aufwecken an einen Traum erinnern, traten kurz vor dem Aufwachen verstärkt Betawellen auf. Betawellen sind schnelle Hirnwellen: Sie schwingen etwa 13- bis 30-mal pro Sekunde und gehen im Wachzustand mit erhöhter Aufmerksamkeit einher. Den Forschern zufolge sind die Betawellen möglicherweise so wichtig für die Traumerinnerung, weil sie das Gehirn auch im Schlaf in einen bewussteren, aufmerksameren Zustand versetzt. In diesem aufmerksameren Zustand können wir wohl nächtliche Fantasieerlebnisse besser behalten.
Tagträumende erinnern sich besser
Nun variiert nicht nur unser eigenes Erinnerungsvermögen von Traum zu Traum. Es gibt auch große Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen. Während die einen scheinbar mühelos Detail für Detail von ihren nächtlichen Erlebnissen wiedergeben können, wissen andere gerade einmal, dass sie überhaupt geträumt haben. Entscheidende Faktoren scheinen die Aktivität und Vernetzung des sogenannten Ruhezustandsnetzwerks im Gehirn zu sein. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Hirnregionen, die gemeinsam ihre Aktivität hochfahren, wenn wir keine konkreten Aufgaben erledigen, sondern Tagträumen nachhängen oder den Blick nach innen wenden. In einer französisch-amerikanischen Studie zeigten Menschen mit häufiger Traumerinnerung eine stärker aufeinander abgestimmte Aktivität in den verschiedenen Hirnregionen des Ruhezustandsnetzwerks. Das leuchtet ein: Ist das Netzwerk doch wichtig dafür, innere Erlebnisse zu verarbeiten und damit offenbar auch dafür, Träume besser zu behalten.
Diese Ergebnisse passen gut zu den Befunden von Gulio Bernardi. In seiner 2025 veröffentlichten Studie konnten Menschen mit stärkerer Neigung zu Tagträumen häufiger ihre nächtlichen Erlebnisse abrufen. Möglicherweise richten „Tagträumer“ mehr Aufmerksamkeit auf ihre inneren Zustände und subjektiven Erfahrungen und können daher besser ihre Träume rekonstruieren. Auch eine positive Haltung gegenüber Träumen erhöht die Wahrscheinlichkeit, morgens den nächtlichen Traum festzuhalten.
„Menschen, die mehr Neugierde für Träume zeigen oder ihnen positiv gegenüberstehen, berichten tendenziell häufiger davon, sich an sie zu erinnern“, sagt Bernardi. Die Ursachen dafür seien noch unklar: Liegt es daran, dass Interesse die Menschen dazu anregt, ihren Träumen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und damit ihr Traumgedächtnis zu stabilisieren? Oder liegt es umgekehrt daran, dass Menschen mit von Natur aus reichhaltigeren, lebhafteren und emotionaler anregenden Träumen diese von vornherein eher interessant fänden?
Entscheidend ist laut der Studie von Bernardi auch das Schlafmuster: Menschen mit bestimmten Schlafmustern, insbesondere langen Schlafphasen mit wenig Tiefschlaf, können sich Träume besser ins Bewusstsein rufen. Wer sich an konkrete Inhalte aus seinen nächtlichen Fantasiereisen erinnern möchte, sollte auch nicht leicht ablenkbar sein, so die Untersuchung. Einer Theorie zufolge bleibt die Erinnerung an den Traum so lange bestehen, wie keine Ablenkung oder Störung auftritt. Nach dieser Vorstellung ist die Erinnerung an Träume wahrscheinlicher, wenn der Träumende unmittelbar nach dem Erwachen seine Aufmerksamkeit auf das Traumerlebnis richtet.
Auf diesem Weg kann man auch trainieren, sich besser an die Träume zu erinnern. „Wichtig ist, die Aufmerksamkeit auf Träume zu lenken“, sagt Michael Schredl. „Das geht am besten, wenn man sich vor dem Einschlafen beispielsweise einen Block für das Aufschreiben der Träume zurechtlegt und sich beim Einschlafen bewusst vornimmt, sich an den Traum zu erinnern.“ Aber das Wichtigste sei der Aufwachvorgang. Und da sei es am besten, einzelne Teile des Traums noch mal durchzugehen – wie beim Lernen eines Gedichts. „Wenn man das ein paarmal macht, verfestigt sich der Traum und man kann sich an ihn besser erinnern und ihn aufschreiben.“
Aber warum sollte man überhaupt trainieren, sich besser an seine Träume zu erinnern? Macht man das nur zum Spaß oder bringt das auch etwas? Zum einen kann es tatsächlich für die Forschung von Nutzen sein. Bei einem Traum sei schwierig zu erfassen, ob die Erinnerung daran richtig ist, sagt Michael Schredl. „Als Traumforscher wissen wir nicht, was alles auf dem Weg vom Träumen zum Traumbericht verloren geht.“ Deshalb sei das Training wichtig, um von eigenen Träumen verlässlich zu berichten.
In der Grundlagenforschung untersuchen Forscher, wie das Bewusstsein funktioniert. Sie interessieren sich dabei für die Zusammenhänge zwischen dem subjektiven Erleben der Träume, der Gehirnaktivität und anderen körperlichen Vorgängen wie dem Herzschlag. Im klinischen Kontext werden die effektivsten Methoden zur Behandlung von Albträumen untersucht. An sie erinnern wir uns meist besonders intensiv und nachhaltig. Außerdem kann es vorkommen, dass wir Albträume immer wieder oder in ähnlicher Art und Weise träumen. Schredl sagt dazu: „Normalerweise greifen Träume sehr kreativ immer Neues aus dem Wachleben auf. Wiederholungsthemen treten dann auf, wenn es im Bewusstsein ein Thema gibt, das ‚feststeckt‘. Wenn wir also ein – meistens mit Angst besetztes – Thema im Wachzustand vermeiden, setzen wir uns damit im Schlaf auseinander.“ Wie lange wir träumen, variiert übrigens von wenigen Sekunden bis zu 15 Minuten. Und auch, wenn es uns gerade bei Albträumen länger erscheint, laufen Träume etwa in Echtzeit ab.
Während uns manche Träume gruseln, inspirieren uns andere. „Sich an Träume zu erinnern, kann im Wachleben helfen“, sagt Schredl. „Man kann unter Umständen mehr über sich selbst erfahren und Trauminhalte auch als kreative Anregungen verwenden.“ ■
Methoden der Traumforschung
In Schlaflaboren messen Forscher die Gehirnströme von Probanden mithilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG). Bestimmte Frequenzen, etwa Beta- und Delta-Wellen, verraten, wie „wach“ das Gehirn im Schlaf bleibt. Um zu erfassen, was Versuchspersonen träumen, werden diese während verschiedener Schlafphasen gezielt geweckt. Sie berichten dann, was sie gerade erlebt oder gefühlt haben. Auf diesem Weg lässt sich feststellen, wann und wie oft geträumt wird – und welche Hirnaktivität mit Träumen zusammenhängt.
Außerhalb des Labors halten Menschen für die Forschung ihre Träume direkt nach dem Aufwachen in einem Traumtagebuch fest. Solche Traumtagebücher helfen Wissenschaftlern, Muster über Wochen oder Monate zu erkennen. So können sie etwa Zusammenhänge zwischen Stimmung, Schlafqualität und Trauminhalten herausfiltern. Besonders hilfreich für Traumforscher sind sogenannte luzide Träume, auch Klarträume genannt. Anders als bei herkömmlichen Träumen sind sich die Träumenden bei einem Klartraum bewusst, dass sie gerade träumen. Außerdem können sie innerhalb bestimmter Grenzen die Inhalte ihres Traums beeinflussen, etwa bewusst ihr Handeln steuern. Üben lässt sich das etwa durch Reality Checks: Dabei prüft man mehrmals am Tag, ob man träumt, beispielsweise durch die Frage an sich selbst: „Träume ich gerade?“ Diese Gewohnheit soll sich in den Traum übertragen.
Der große Vorteil von Klarträumen für die Wissenschaft: Die Träumenden können während eines Klartraums über vorher vereinbarte Codes wie bestimmte Augenbewegungen mit den Forschenden kommunizieren. So können sie etwa mit den Augenbewegungen mitteilen, dass sie gerade einen Traum haben.
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