Mit Nachdruck wendet sie sich den Leiderfahrungen der Speziallager-Häftlinge zu und gibt diesen Ausdruck, indem sie Zeugnisse von Betroffenen erschließt. Verfehlt wird das Ziel einer abschließenden Gesamtdarstellung und -erklärung. Vielmehr beruht die Arbeit überwiegend auf veröffentlichten Quellen sowie der Verarbeitung vorhandener Untersuchungen.
Die versprochenen Erkenntniszuwächse erweisen sich oft als Entkontextualisierungen. Greiner erklärt das Spezial‧lagersystem letztendlich überhistorisch als Produkt stalinistisch-tschekistischen Geistes, der sich in abstrakten, irrationalen Sicherheits- und Präventionsbedürfnissen und entsprechenden Einschüchterungspraktiken äußert. Folglich wird die Verschränkung der Lager 1945/46 mit der Entnazifizierung ebenso bestritten wie ihre spätere Funktion für die Sowjetisierung der SBZ/DDR unterbelichtet.
Das Argument, die Verknüpfung der Lager mit Entnazifizierungsbestrebungen verschleiere den repressiven Kern der sowjetischen Politik in Ostdeutsch‧land, lässt sich nicht halten. Sowohl der eine als auch der andere Tatbestand können ohne Aufrechnung benannt werden. In die Irre führt die Autorin eine Vorstellung von Entnazifizierung als Schuldfeststellung bzw. Bestrafung, die die von Christoph Klessmann und Clemens Vollnhals betonten strukturellen Aspekte übergeht.
Mehr quellenkritische Sorgfalt hätten die Zeitzeugenberichte verdient. „Blockhelfer“ etwa war keine sowjetische Erfindung, wie ein Blick ins Organisationshandbuch der NSDAP erweist. Ratlos macht der Schluss: Worin der Differenzierungs- und Erkenntnisgewinn liegen soll, wenn Speziallager wie zur Zeit des Kalten Krieges als Konzentrationslager bezeichnet werden, bleibt dunkel.
Rezension: Dr. Volkhard Knigge




