Im Vorwort distanziert sich der Autor überraschend von seinem Vorgängerwerk zum selben Thema („Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus“. 2003). Es erneut zu lesen sei „eine Qual“ gewesen, deshalb wolle er „unter gar keinen Umständen wiederholen“, sondern „widerlegen“, was er damals schrieb. Gewiss: Baberowski hat den Verlag gewechselt, und niemand kann bestreiten, dass das neue Buch doppelt so dick ist wie das alte. Die alten Kapitelüberschriften wurden den letzten „Turns“ gemäß modernisiert: „Der Weg in den Stalinismus“ etwa heißt jetzt „Imperiale Gewalträume“.
Liest man aber beide Werke parallel, so weiß man, wie in einem Spiegelkabinett, bald nicht mehr, ob man sich gerade in dem „Unfug“ (so der Autor über sein altes Buch) von 2003 befindet oder im neuen Werk von 2012, das „den Schlüssel zur exzessiven Gewalt“ der Stalin-Zeit gefunden haben will. Große Teile des alten Textes sind nämlich, zum Teil wortwörtlich, zum Teil stilistisch verändert, in „Verbrannte Erde“ eingeflossen, wurden aber durch weitere Beispiele für Terror und lange Zitate ergänzt. Verschoben hat der Verfasser freilich den Akzent seiner Deutung: weg von der an Zygmunt Bauman angelehnten Erklärung stalinistischer Gewalt „aus dem Verlangen, Eindeutigkeit herzustellen und Ambivalenz zu überwinden“, hin zu Stalin selbst, der „nicht aufhören konnte, ein Gewalttäter zu sein“.
Die Rede von Stalins Bösartigkeit begegnet einem zwar auch schon im „Roten Terror“ auf Schritt und Tritt, jetzt aber wird sie, unterstützt durch den neuen Gewährsmann, den britischen Schriftsteller Martin Amis, zum Leitmotiv, ja zur Offenbarung. So gesehen zwar eine Revision, aber gewiss keine Selbstwiderlegung.
Insgesamt mutet das Panorama von Stalins Herrschaft an wie ein Gangsta-Rap der Gewalt und schwelgt wie dieses Genre in Megalativen. Schon 1918 „verlor der Terror jedes Maß“, Ende 1929 „brachen dann alle Dämme“, Blut und Verbrechen überwältigen die Leser geradezu. Doch auf wichtige Fragen liefert der Autor statt einer Antwort nur ein lapidares „Niemand wird je erfahren“, etwa warum die von Stalin initiierten „Massenoperationen“ des Großen Terrors im Herbst 1938 vom Diktator selbst beendet wurden.
Baberowskis Stalin ist ein „Gewalttäter aus Leidenschaft“, ein „glücklicher Mensch, der sich an den Seelenqualen seiner Opfer erfreute“. Aus welchen Quellen er diese Erkenntnisse schöpft, bleibt Geheimnis des Autors.
Rezension: Prof. Dr. Beate Fieseler




