Löst man sich aber aus dem Bann der charismatischen Persönlichkeit des Sokrates, der die gelehrte Welt mit seinen Fragen und Antworten revolutionierte, wird man jedoch Verständnis für Xanthippe aufbringen. Sie hatte drei Kinder zu ernähren, während es ihr Ehemann vorzog, auf den öffentlichen Plätzen Athens seinem intellektuell verdienstvollen, ökonomisch freilich wenig einträglichen Geschäft nachzugehen. Bis zu seiner Verurteilung und seinem Tod im Jahr 399 v.Chr. bemühte er sich von morgens bis abends, die Menschen mittels einer ausgefeilten Fragetechnik zur richtigen Erkenntnis und zur Tugend zu erziehen. Das geschah kostenlos, und wenn er endlich heimkehrte, brachte er kein Geld mit, sondern Erzählungen über seine Anstrengungen, die Athener zu erziehen. In ferner Vergangenheit hatte Sokrates das ehrbare Gewerbe des Bildhauers ausgeübt, doch hatte er diese Tätigkeit zugunsten der Philosophie an den Nagel gehängt.
Zu seinem neuen Berufsbild gehörten eine ärmliche Kleidung und eine asketische Lebensweise. Bedürfnislosigkeit erhob er zum obersten Gebot und verlangte dies wohl auch von Xanthippe. Dank einer kleinen Erbschaft herrschte keine Not, doch große Sprünge konnte sich die Familie nicht erlauben. Stand es schon materiell nicht zum Besten, so machte sich Xanthippe auch um die Reputation ihres Hauses Sorgen. Aus der Sicht der Nachbarn war Sokrates nichts anderes als ein Müßiggänger. Das hätte er, nach den gängigen sozialen Standards, nur sein dürfen, wenn er ein Aristokrat gewesen wäre. Von einem praktisch mittellosen Mann wurde jedoch erwartet, dass er für sich und seine Familie Geld verdiente…
Prof. Dr. Holger Sonnabend





