Kinder erkranken meist nur leicht an Covid-19. Doch selbst wenn die eigentliche Infektion vollkommen symptomfrei verlief, kann es in seltenen Fällen einige Wochen später zu einem teils lebensbedrohlichen Syndrom kommen, das unter Abkürzungen wie MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children) oder PIMS (Paediatric inflammatory multisystem syndrome) bekannt ist. Dabei führt eine überschießende Immunreaktion zu schweren Entzündungen in verschiedenen Teilen des Körpers. Zu den Symptomen zählen hohes Fieber, Hautausschläge und Herzinsuffizienz. Betroffen ist etwa eines von 800 Kindern, die mit der ursprünglichen Variante des Coronavirus infiziert waren, und eines von 4000 Kindern mit der Omikron-Variante. Die genaue Ursache der Erkrankung war bislang allerdings unbekannt.
Reaktivierung ruhender Viren
Um den Auslösern auf die Spur zu kommen, hat ein Team um Carl Goetzke von der Charité Universitätsmedizin Berlin 145 Kinder im Alter von zwei bis 18 Jahren, die wegen MIS-C im Krankenhaus behandelt wurden, untersucht und mit 105 Kindern verglichen, die nach einer Covid-19-Infektion kein MIS-C entwickelten. Dabei stellten die Forschenden fest, dass im Blut der Kinder mit MIS-C Spuren des Epstein-Barr-Virus (EBV) zu finden waren sowie dafür spezifische Antikörper und Immunzellen – ein Hinweis auf eine aktive Immunreaktion gegen das Virus.
Das Epstein-Barr-Virus ist der Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers, das mit schweren grippeähnlichen Symptomen einher gehen kann. Bei den meisten Kindern verläuft eine Infektion jedoch weitgehend symptomlos und unerkannt. „Nach einer akuten Infektion wird das Virus jedoch nicht aus dem Körper entfernt“, erklärt Goetzkes Kollege Tilmann Kallinich. „Das Epstein-Barr-Virus siedelt sich in verschiedenen Zellen des Körpers an und entgeht so der Immunabwehr. So bleibt es ein Leben lang im Körper des Infizierten. Das Virus kann auch Jahre nach der Erstinfektion wieder aufflammen, auch wenn das Immunsystem geschwächt ist.“
Fehlgeleitete Immunreaktion
Genau das scheint bei den Kindern mit MIS-C der Fall zu sein. „Vereinfacht gesagt, erwacht das Epstein-Barr-Virus aus seinem Ruhezustand, weil die Covid-Infektion das Immunsystem des Kindes so durcheinander gebracht hat, dass es die ruhende Infektion nicht mehr in Schach halten kann“, erklärt Kallinich. Nachdem die ruhenden Viren wieder aktiv geworden sind, versucht das Immunsystem, sie zu bekämpfen, ist dabei aber wenig erfolgreich. „Die Immunzellen sind nicht mehr in der Lage, mit EBV infizierte Körperzellen abzutöten“, berichtet Goetzkes Kollege Mir-Farzin Mashreghi.
Als Ursache für diese Reaktivierung des Virus identifizierten die Forschenden einen Botenstoff namens Transforming Growth Factor Beta (TGFβ), der in Folge der Covid-19-Infektion produziert wird und die Funktion von Immunzellen hemmt. „Bei manchen Kindern löst COVID ein sich schnell verstärkendes System aus: Der Botenstoff TGFβ verhindert, dass Immunzellen das Epstein-Barr-Virus in Schach halten, wodurch sich das Virus wieder vermehren kann“, erklärt Mashreghi. „Als Reaktion darauf produziert der Körper mehr Immunzellen, um das Virus zu bekämpfen, aber diese Immunzellen sind immer noch nicht funktionsfähig. Dies gipfelt in einer extremen Entzündungsreaktion, die Organe schädigt und unter Umständen tödlich sein kann.“





