Als Viktoria am 20. Juni 1837 den englischen Thron bestieg, lag ihr 18. Geburtstag kaum vier Wochen hinter ihr. Nach den Regeln der Thronfolge war sie volljährig und fähig, alle Befugnisse der britischen Krone ohne eine Regentschaft ihrer Mutter auszuüben. Es war ein historischer Augenblick, denn dem Land, dem sie dann fast 64 Jahre vorstand, war eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der modernen Welt zugefallen. Bedeutung besaß Viktorias Thronbesteigung aber auch für Deutschland: Seit 1714 waren die Kurfürsten von Hannover auch Herrscher des Vereinigten Königreichs von Großbritannien (was für England die protestantische Thronfolge und den Ausschluß der katholischen Stuart-Dynastie gesichert hatte). Mit der Thronbesteigung Viktorias war diese Verbindung gelöst, denn in Hannover gab es keine weibliche Thronfolge. Hinter dem norddeutschen Land, das die östlichen und die westlichen Teile Preußens trennte, stand nun keine Großmacht mehr.
Obwohl England oft als eine der ältesten Staatsnationen Europas angesehen wird, kam das moderne Großbritannien, das neben England und Wales auch Schottland und Irland umfaßte, erst im 18. Jahrhundert zustande. Seinen Zusammenhalt verdankte es erfolgreichen Kriegen, besonders gegen Spanien und Frankreich, sowie dem Mythos der aufgeklärten protestantischen Nation im Kampf gegen Katholizismus und Papsttum, die im englischen Volk als Mächte der Dunkelheit galten. Neben Krieg und Eroberung verdankte das Land seinen – durch den Verlust der amerikanischen Kolonien nur vorübergehend unterbrochenen – Aufstieg der Entwicklung von Handel und Finanzen und schließlich der Industrialisierung. Viktorias Kinderjahre fielen in eine Zeit technischer Innovationen, die einen tiefgreifenden Wandel zur Folge hatten. Kurz vor ihrer Thronbesteigung erfolgten die entscheidenden Schritte, die politische Verfassung des Landes der stürmischen gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen. Die parlamentarische Monarchie, in der die Krone noch politische Macht ausübte, wandelte sich in eine konstitutionelle, in der von der Monarchin erwartet wird, daß sie über der Politik steht.
Viktoria war die Tochter des Herzogs von Kent, des vierten Sohnes von Georg III. Ihre Mutter, Marie Luise Viktoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld (später Gotha), war in erster Ehe mit einem Fürsten von Leiningen verheiratet gewesen. Nach dessen Tod 1814 heiratete sie den Herzog von Kent, doch Viktorias Vater starb bereits acht Monate nach ihrer Geburt. Obwohl die am 24. Mai 1819 geborene Viktoria der Öffentlichkeit als Engländerin präsentiert wurde, verbrachte sie ihre Kindheit meist in deutscher Umgebung. Ihre zwölf Jahre ältere Halbschwester Feodora von Leiningen wurde zusammen mit ihr erzogen, und deren Gouvernante, die Pastorentochter Louise Lehzen aus Hannover, wurde auch Viktorias Erzieherin und engste Vertraute. Viktoria sprach aber akzentfreies Englisch, und die vom vorherrschenden Evangelikalismus geprägte Erziehung der englischen oberen Mittelschicht wurde auch ihr zuteil. Besonders liebte sie die erbaulichen Geschichten der Schriftstellerin Maria Edgeworth, in denen die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden und die Gerechtigkeit immer siegt. In späteren Jahren erfaßte sie die Reaktionen der englischen Mittelklasse oft schneller als die aristokratischen Politiker, die ihr als Minister dienten.




