Wie sich Schmerzen sinnvoll behandeln lassen, wird an deutschen Medizin-Fakultäten kaum gelehrt. Kinder haben darunter am meisten zu leiden: Nach Unfällen oder Operationen sind sie oft schlechter versorgt als Erwachsene. Dieses erschreckende Fazit zogen Experten im März 2002 auf dem Deutschen Schmerztag in Frankfurt/Main. Früh- und Neugeborene empfinden keinen Schmerz, nahmen Ärzte noch bis in die siebziger Jahre hinein an – weil ihr Nervensystem noch unreif sei. In den USA wurden drei von vier Operationen bei Frühgeborenen ohne ausreichende Narkose durchgeführt. „Barbarisch”, so bewertet der Kinderarzt Dr. Boris Zernikow von der Universität Münster diese Praxis heute. Mittlerweile ist klar, dass Kinder Schmerzen sogar intensiver empfinden als Erwachsene. Außerdem kann ein frühkindlich erlittener Schmerz weit bis ins Erwachsenenleben nachwirken. Schmerzen hinterlassen eine Spur im Nervensystem, die sich nur schwer auslöschen lässt: das so genannte „Schmerzgedächtnis”. Mitte der neunziger Jahre fanden britische Entwicklungsbiologen, dass Hautverletzungen bei neugeborenen Ratten Schmerz leitende Nervenfasern in ihre Richtung „locken”. Die Stellen waren noch extrem schmerzempfindlich, als die Wunde längst wieder geschlossen war. Kleinkinder haben noch kein natürliches Schmerz-Schutzschild. Das reife Nervensystem schüttet bei Verletzungen Hemmstoffe wie Endorphine und Endo-Cannabinoide aus oder aktiviert Nervenfasern, die die Schmerzleitung blockieren. Bei Kleinkindern gelangen die Schmerzreize direkt ins Gehirn. Es wird für diese Signale sensibilisiert und bleibt stets „auf Empfang”. Die Folge sind chronische Schmerzen im Erwachsenenalter – beispielsweise bei der Muskelerkrankung Fibromyalgie. Die Spur kindlichen Leidens lässt sich vor allem bei Opfern von sexuellem Missbrauch verfolgen. So berichten betroffene Frauen oft über unerklärliche gynäkologische Schmerzen, zudem über Kopf- oder Rückenschmerzen. Experten wie Boris Zernikow fordern daher, die neuen Erkenntnisse über das Schmerzgedächtnis in die Kinderheilkunde einfließen zu lassen: „Unwissenheit, Angst vor Nebenwirkungen einer Schmerzbehandlung sowie fehlende Richtlinien sind die Ursache einer unzureichenden Therapie.” So leiden etwa 10 bis 25 Prozent aller schulpflichtigen Kinder an wiederkehrenden Bauchschmerzen ohne erkennbare Ursache. Die weit verbreitete Annahme, „das wachse sich schon wieder aus”, sei grundfalsch, meint Boris Zernikow. „Fast die Hälfte der Kinder nimmt den Schmerz mit ins Erwachsenenalter.” Verhindern lässt sich dies durch rechtzeitiges Training zur Schmerzbewältigung oder durch Entspannungstechniken. Ein großes Problem ist die Krebstherapie. Viele Kinder leiden unnötig an Schmerzen, die durch den Krebs selbst oder durch Behandlungen – wie Chemotherapie, Bestrahlung und Operationen – ausgelöst werden. Rechtzeitig eingesetzte Opioide wie Morphium würden vielen Kindern helfen. Doch sowohl Ärzte als auch Eltern befürchten oft, die Medikamente würden süchtig machen. Diese Sorge ist jedoch unbegründet, wenn Morphium richtig dosiert wird, beruhigt Boris Zernikow. Opioide können außerdem die Gedächtnisspur des Schmerzes verwischen, was besonders nach einer Heilung wichtig ist.
Internet
Selbsthilfegruppen und Infos: Bundesverband Deutsche Schmerzhilfe e.V. www.schmerzhilfe.org
Die Deutsche Schmerzhilfe www.schmerzselbsthilfe.de
Lesen
Boris Zernikow SCHMERZTHERAPIE BEI KINDERN Springer-Verlag 2000, € 32,95
Peter Gutjahr SCHMERZ BEI KINDERN Schmerztherapie in Arztpraxis und Krankenhaus Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2000, € 25,10
Kontakt Deutsche Schmerzliga e.V. Adenauerallee 18 61440 Oberursel Tel.: 0700 | 37 53 75 375 Fax: 0700 | 37 53 75 38 www.schmerzliga.de





