Ich bin zwar überzeugt von der Idee der Komplementarität, die dem Tag die Nacht und dem Bewussten das Unbewusste an die Seite stellt und überhaupt jedes Stück im Lichte seines Gegenstücks sieht, aber ich hätte nie geglaubt, dass dieser eher philosophisch klingende und von der Physik abzulenken scheinende Begriff plötzlich eine große Bühne erhält. Doch genau das ist jetzt geschehen in dem Buch „Fundamentals“, in dem der Nobelpreisträger Frank Wilczek das vorstellt, was er „10 Keys to Reality“ nennt. Und der letzte Schlüssel, der ihm die Welt des Geistes ganz weit öffnet, trägt den Namen Komplementarität.
Wilczek legt sich eindeutig fest: Man kann weder die physikalische Wirklichkeit noch die Lage des Menschen („the human condition“) angemessen erfassen, wenn man sein Herz der Komplementarität verschließt. Für Wilczek stellt dieser Gedanke die Möglichkeit dar, den freien Willen einer Person und ihre deterministische Beschreibung durch die Wissenschaft zusammen zu sehen. Und der Physiker ist überzeugt, dass selbst dann, wenn es seinen Kollegen irgendwann gelingen sollte, eine „Theory of Everything“ vorzulegen, damit auf keinen Fall das Ende des Forschens eintritt. „Man benötigt dann immer noch komplementäre Beschreibungen der Wirklichkeit.“ Und er schreibt: „Komplementarität ist eine Einladung, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen“ – ein Plädoyer für Toleranz und Dialoge.
Das Wort hat durch Niels Bohr Eingang in die Physik gefunden, der damit in den 1920er-Jahren auf die Einsicht reagierte, dass Licht die komplementären Aspekte von Welle und Teilchen in sich vereinigt. Zwar heißt es seither, dass Licht sowohl partikulär als auch undulierend auftritt, aber man verschweigt dabei, dass Licht damit ein Geheimnis geworden ist. Menschen können nur komplementär ausdrücken, was Licht wirklich ist, und deshalb bleiben sie neugierig. Bohrs Begriff dehnt diesen Gedanken aus und lässt die ganze Welt als Geheimnis erscheinen, was garantiert, dass Menschen immer wieder angeregt werden, ihre kreativen Fähigkeiten zu entwickeln und zu zeigen. Mit der Einsicht und dem Vertrauen in die Komplementarität bleibt die Zukunft des Geistes offen. Er kann sich daran machen, die Welt zu verbessern. Man muss dazu auf andere zugehen. Auf diese Weise kann Philosophie uns retten. Kaum zu glauben!





