von BETTINA WURCHE
Im schlammigen Meeresboden gräbt ein Oktopus eine Kokosnussschale aus, klemmt sie sich unter die Arme und marschiert davon. Als er eine zweite Schale findet, setzt er sich hinein und zieht die andere als Dach über sich. Mit den Saugnäpfen hält er die Schalen von innen und kann sie so öffnen und schließen. Wenn er an einen anderen Ort umziehen möchte, trägt er beide Schalen dorthin, eine unter die rechten und eine unter die linken Arme geklemmt. Mit den Armspitzen trippelt er dann weiter.
Das Aufsammeln und Mitführen von Objekten erfordert eine vorausschauende Planung, darum werten es Biologen wie Julian Finn und Mark Norman vom australischen Museum Victoria als Werkzeuggebrauch. Finn hatte diesen Oktopus und andere vor den indonesischen Inseln Sulawesi und Bali beobachtet und gefilmt, wie die achtarmigen Weichtiere ihre Behausungen nicht nur aus den Schalen der Kokosnuss, sondern auch aus Schneckenschalen und Abfall konstruieren.
Da Oktopusse selbst weder eine Schale noch Zähne haben und für Fische und Wale eine verlockende Portion Protein darstellen, schützen sie sich mit cleverer Tarnung. Sie ziehen sich zum Schlafen oder Brüten gern in Höhlen zurück – und wo es keine gibt, bauen sie sich den Unterschlupf eben selbst. Die intelligenten Tiere lernen auch durch die Beobachtung ihrer Artgenossen, wie man eine Behausung baut oder an begehrte Beute kommt. Außerdem spielen sie gern: In Aquarien zum Beispiel bewegen Oktopusse mit gezielten Wasserstrahlen aus ihrem Atemrohr Objekte, die an der Oberfläche schwimmen, und spielen mit den Strömungen. Dieses Verhalten bringt ihnen keine Futter-Belohnung ein, sondern dient ganz offensichtlich dem Zeitvertreib. Darum ordnet Jennifer Mather von der kanadischen University of Lethbridge es klar als zweckfreies Spielen ein. Die Vergleichende Psychologin erforscht seit langem das Verhalten der achtarmigen Oktopusse, aber auch anderer Tintenfische wie Sepien und Kalmare und sieht in dem planvollen Vorgehen und dem Werkzeuggebrauch der Tiere deutliche Zeichen ihrer für wirbellose Lebewesen ungewöhnlich großen kognitiven Leistung. Sie unterscheiden sich damit stark von Muscheln und Schnecken. In der Gruppe der Tintenfische erreicht das Oktopus-Gehirn den höchsten Grad der Komplexität, was die Ergebnisse der Verhaltensexperimente bestätigt. Auch bei den zehnarmigen Sepien gibt es starke Hinweise auf Intelligenz, so Mather, allerdings anderer Art und noch weniger erforscht als die ihrer achtarmigen Verwandten.
Ob sie frei lebend spielerisch mit saugnapfbesetzten Armen das Äußere eines Tauchers erkunden oder im Aquarium Flaschen aufdrehen und durch Labyrinthe flutschen, Oktopusse sind offen für Interaktionen. Bei immer neuen Intelligenztests zeigen sie dabei überraschend individuelle Lösungsansätze und schnelle Lernerfolge. Während eines beliebten Oktopus-IQ-Tests kommt ein transparentes Gefäß mit Schraubverschluss zum Einsatz, in dem schmackhafte Garnelen oder andere Leckerbissen sitzen. Obwohl einem Oktopus im Meer sicherlich nie ein solches Gefäß begegnet ist, findet er schnell eine Lösung, um an seine Leibspeise zu kommen: Zunächst befingert er mit einigen Armspitzen das unbekannte Objekt, dann findet er mit Armen und Saugnäpfen schnell den richtigen Dreh. Beim Erstkontakt mit dem vertrackten Verschluss muss das Weichtier noch probieren und überlegen, danach erinnert es sich immer wieder an den besten Lösungsweg. Andere Artgenossen können sich durch Zuschauen diese Lösung abgucken. Den derzeitigen Rekord im Deckelabschrauben hält der neuseeländische Oktopus Ozy, 2014 benötigte er nach einigem Training nur noch 54 Sekunden.





