Hier verfaßte er heimlich Prosaskizzen, in denen er in distanziert-ironischer Sprache die hinter der Fassade des Banal-Biederen sichtbare Brutalität und moralische Verwahrlosung im Führerhauptquartier demaskierte: „Die ‚Anlage’ soll im Winter von mehreren tausend Juden gebaut worden sein, das ihnen anschließend zugewiesene Massengrab sich ganz in der Nähe befinden … Viele haben schwere Frostschäden davongetragen, auch von den Wachmannschaften, die gerne bei der Arbeit mit zugefaßt hätten“, schrieb er etwa.
Die Essener Literaturwissenschaftlerin Monika Marose legt nunmehr eine einfühlsame, gut geschriebene Biographie Hartlaubs vor, für die sie bislang unbekannte Dokumente ausgewertet und eine Reihe von Gesprächen mit engen Vertrauten Hartlaubs geführt hat. Besonders eindrucksvoll arbeitet sie heraus, daß die auffallende Unauffälligkeit Hartlaubs und seine Neigung zur Einzelgängerei nicht allein im atomisierten Alltag der NS-Diktatur wurzelten, der Andersdenkende zum Schweigen verurteilte. Der distanzierte Habitus Hartlaubs war bereits in den ersten Lebensjahren eines „Wunderkindes“ angelegt, das sich den hohen Erwartungen und der pädogogischen Bevormundung seiner ambitionierten Eltern durch Abtauchen und Unauffälligkeit zu entziehen suchte.
Mit dem Buch Maroses liegt das bislang beste biographische Porträt Hartlaubs vor, das lediglich in den allgemeinen historischen Ausführungen kleinere Mängel aufweist.
Rezension: Bajohr, Frank




