Von Rainer Kurlemann
Wer kann sich noch erinnern, wie viele Schmetterlinge früher über die Wiesen flogen? Die Antwort auf die Frage fällt nicht leicht, denn die Fragestellung steckt schon voller Tücken. Naturgemäß erinnern wir uns nur an das, was wir erlebt haben. Menschen, die in einer Großstadt oder in einem städtischen Umfeld aufgewachsen sind, werden diese Frage anders beantworten als Menschen, die eine Blumenwiese vor der Haustür hatten. Aber die eigene Erfahrung beeinflusst die Bewertung der Gegenwart. Wenn wir heute eine Handvoll Schmetterlinge im Stadtpark sehen, hängt die Interpretation sehr eng mit dem Betrachter zusammen. Der eine freut sich, wie artenreich und naturnah der Park geworden ist. Der andere zuckt missmutig mit den Schultern und beklagt den Verlust von Natur.
Beide Personen haben aus ihrem Blickwinkel recht. Das Beispiel der Parkspaziergänger mag belanglos sein. Aber das dort beschriebene Phänomen wird zum wachsenden Problem für die Vermittlung der Ziele von Klima- und Naturschutz. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie eine naturnahe Umgebung oder ein funktionierendes Ökosystem aussehen.
Wie lang ist ein „normaler“ Winter?
Das klingt zunächst erstaunlich, aber mit dem Fluss der Zeit verändert sich unser Verständnis für Normalität. Beispiele dafür gibt es zuhauf, eines davon ist die Anzahl der Frosttage in Deutschland. Die Generation der Babyboomer, geboren zwischen 1946 und 1964, hat in Kindheit und Jugend durchschnittlich knapp 100 Tage im Jahr erlebt, an denen die Temperatur unter die Null-Grad-Grenze fiel, und sei es nur bei Nachtfrost. Von Region zu Region gibt es hierbei natürlich Unterschiede, aber generell auf Deutschland bezogen hat sich die Situation verändert. Denn wer in der Generation Z, also nach 1997, geboren wurde, erlebt nur noch knapp 80 Tage im Jahr fröstelnde Temperaturen, dafür aber mehr heiße Tage.
Durch den beginnenden Klimawandel sind die Winter de facto mehr als zwei Wochen kürzer geworden. Doch jüngere Menschen nehmen diese Veränderung kaum wahr. Sie akzeptieren ihr Wintererleben als normal, denn sie werden unter anderen Klima-Bedingungen groß. Wenn sie nicht ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, können sie kaum bemerken, dass ihre Normalität eine andere ist als die der Großeltern. Niemand vermisst den Schnee, den er nicht gesehen hat.
In der gesamten Gesellschaft wird der mehr als dreimonatige Winter auf diese Weise stillschweigend durch eine kürzere Variante ersetzt. Höhere Temperaturen werden schleichend zum Normalfall. In der Wissenschaft gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre einen Namen für diesen Effekt: das Shifting-Baseline-Syndrom (SBS). Das Bezugssystem, mit dem ein Mensch seine Wahrnehmung vergleicht, verschiebt sich. SBS ist besonders tückisch, wenn die Veränderungen langsam erfolgen. Dann bemerken die Menschen nämlich oft gar nicht, wie sich die Dinge im Laufe der Zeit verändert haben.





