In seinen Tagen brach die goldene Zeit an.” Das Lob gilt Otto I. Thietmar von Merseburg, der Chronist der späten Ottonenzeit, spendete es gut 50 Jahre nach der Kaiserkrönung Ottos in Rom 962, den Nie-dergang des sächsischen Herrschergeschlechts bereits vor Augen: Otto II. und Otto III., Sohn und Enkel des großen Otto, waren im Alter von 28 und 21 Jahren in Italien gestorben, die Krone war an Hein-rich II., ihren notorisch kinderlosen Vetter aus der bayerischen Nebenlinie der Liudolfinger, überge-gangen. Beginnend mit Heinrich I., gipfelnd in Otto dem Großen, endend mit Heinrich II. – Aufstieg und Ende der Dynastie bildeten Thietmars historisches Ordnungsmodell. Doch die Bedeutung, die römisches Kaisertum und Papsttum für das Handeln der drei “Ottonen” hatte, unterscheidet sie von den beiden Heinrichen. Ottos Krönung durch Papst Johannes XII. an Mariä Lichtmeß 962 markiert den Beginn einer dauerhaften Verbindung von ostfränkisch-deutscher Königs-herrschaft und römischer Kaiserkrone. Sie verlieh dem Königtum seine besondere Erhabenheit, be-scherte ihm aber zugleich jene spezifische Problem-lage, welche die deutsche Geschichte bis in die frühe Neuzeit hinein prägte. Konstitutiv für das Kaisertum war fortan die päpstliche Salbung. Um sie zu erlan-gen, zogen die mittelalterlichen Könige stets aufs neue mit ihrem Aufgebot über die Alpen. Im 10. Jahrhundert noch überwiegend nach Stämmen ge-ordnet, wurde das Heer hier, in Italien, erstmals zu-sammenfassend als “deutsch” bezeichnet – eine Fremdbezeichnung also, die dann allmählich auch als Selbstbezeichnung übernommen wurde. Neben ihrer Identität brachten die Deutschen ungekannte Reichtümer, Gold und Reliquien, aus Italien mit nach Hause. Gleichzeitig verstärkte sich der Wissens- und Kulturtransfer von Süd nach Nord. Die Bewertung von Ottos Kaisertum, ja des Italie-nengagements der deutschen Könige überhaupt, ist Gegenstand eines langen Gelehrtenstreits. Im 19. Jahrhundert warf der Preuße und kleindeutsch ge-sinnte Heinrich von Sybel Otto I. vor, “die Kräfte der Nation, die sich bisher mit richtigem Instinkt in die großen Kolonisationen des Ostens ergossen, … für einen stets lockenden und stets täuschenden Machtschimmer im Süden der Alpen vergeudet” zu haben. Er fand seinen Widerpart in dem katholischen, großdeutschen, in Österreich lehrenden Historiker Julius Ficker, nach dem sich das ottonische Reich “naturwüchsig aus den besonderen Bedürfnissen jener Zeit entwickelt” habe. Man sieht: Geschichte ist Interpretation, zeitgebunden und kontextbedingt. Auch Ottos Zeitgenossen waren von der epochalen Bedeutung der römischen Kaiserkrönung erfaßt. Nach einer Phase fast völligen Schweigens in der er-sten Hälfte des 10. Jahrhunderts traten in den Jahren nach 962 mehrere Autoren mit bedeutenden Ge-schichtswerken hervor. Sie nahmen dezidiert Stel-lung. Niemand pries das Kaisertum Ottos I. intensi-ver als römisches als die Nonne Hrotsvith von Gan-dersheim: “Otto gewalt’ger Beherrscher des Cäsari-anischen Reiches … Vor dem mancherlei Völker in weiten Gebieten sich fürchten, welchen das römische Reich mit Fülle der Gaben beschenket”. Niemand verschwieg es beharrlicher als der Corveyer Mönch Widukind: Auf dem Lechfeld, nach dem Sieg über die heidnischen Ungarn 955, läßt er Otto I. bereits sieben Jahre vor der römischen Krönung von seinem Heer zum “Vater des Vaterlandes und Kaiser” ausrufen – für ihn manifestierte sich die Auserwähltheit des Königs in den Heidensiegen; einer päpstlichen Sanktionierung bedurfte dieses Gott unmittelbare Kaisertum für Widukind nicht…




