Dieses neue, beschleunigte politische, kulturelle und religiöse Wachstum lässt leicht vergessen, wie mühsam und prekär der Wiederaufbau jüdischen Lebens in den beiden deutschen Staaten zwischen 1945 und 1989 gewesen ist. Es handelte sich um eine konfliktgeladene Epoche widersprüchlicher und widerspenstiger Integration, in der sich die Katastrophe des europäischen Judentums in jeder Phase ein weiteres Mal manifestierte: eine Renaissance nicht aus Trümmern, sondern aus Scham und Trauma heraus. Über diese derzeit in Vergessenheit geratende Epoche, die die Mehrheit der Bundesbürger allenfalls noch mit dem Namen von Ignatz Bubis verknüpft, hat nun der englische Historiker Anthony D. Kauders mit dem engagierten, doch wohlwollend-distanzierten Blick des Beobachters von außen ein informatives Buch geschrieben, das mehr als eine Zwischenbilanz ist. Kauders’ Arbeit ist nicht die Erste ihrer Art – es gibt Arbeiten etwa von Michael Brenner oder von Ruth Gay –, doch unterscheidet sie sich von diesen durch ihre größere Distanz und Objektivität, untrügliches Zeichen dafür, dass ein Gegenstand tatsächlich Teil der (zu erzählenden) Geschichte geworden ist.
Kauders’ Arbeit überzeugt zudem durch eine sehr viel umfassendere Quellenkenntnis, anhand derer er die inneren Konflikte und Selbstfindungsprozesse der jüdischen Gemeinden präzise nachzeichnen kann. Das alles geschieht indes nicht im Ton gepflegter akademischer Langeweile, sondern in einem am angelsächsischen Journalismus orientierten, lebendigen, verhalten sarkastischen Stil. Kauders’ Fazit überzeugt: „Die Zukunft“ des Judentums in Deutschland „gehört einem jüdischen Raum, in dem die jüdische Religion eine wichtigere Rolle spielen wird als die jüdische Ethnizität.“
Rezension: Brumlik, Micha




