Im Meer, das sich einst im heutigen Süddeutschland erstreckte, tummelten sich große Fischsaurier. Das belegt nun erneut der Fund einer bisher unbekannten Fischsaurierart, die in einer Zeit existierte, die eigentlich als ?Saurier-frei? galt. Das gut erhaltene Fossil sei ein enormer Glücksfall, sagen die Wissenschaftler vom Stuttgarter Naturkundemuseum, wo es schon bald zu sehen sein wird. Unsere Korrespondentin Gesa Seidel war bei der Präsentation des Fundes dabei.
Normalerweise herrscht Ordnung im Sauriermagazin des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart. In hohen Regalen stapeln sich hier akribisch beschriftete Kisten bis unter die Decke. Darin schlummern, eingewickelt in altes Zeitungspapier, Fossilien, die erst noch präpariert werden müssen. Nun liegen auf dem Boden des langen Raumes Steine, die auf den ersten Blick eigentlich recht unspektakulär wirken. Doch den Forschern zufolge sind sie eine Sensation: Es sind die Überreste einer neuen Fischsaurierart, die vor 175 Millionen Jahren durchs Meer schwamm, wo sich heute Baden-Württemberg befindet. Fast 40 versteinerte Fragmente des 7,5 Meter langen Tieres haben der Saurierexperte Rainer Schoch und der Präparator Olaf Maaß auf einer Pappe so angeordnet, dass man eine Vorstellung davon bekommt, wie die riesige Meeresechse wohl aussah. Bei den Teilen handelt es sich um einen 1,6 Meter langen Schädel, einige Wirbel und Rumpfteile der Meeresechse.
Die Fossilien sind nicht erst seit kurzem im Besitz des Museums. Gefunden wurden die Überreste des Fischsauriers, den Experten auch Ichthyosaurier nennen, schon 1975. Es waren Stuttgarter Studenten auf einer geologischen Exkursion, die den Zufallsfund in einer Tongrube bei Heiningen im Kreis Göppingen machten. Die noch unpräparierten Fossilien gingen in den Besitz des Naturkundemuseums über, wo sie seit dem in Kisten im Keller lagerten. Ulrich Schmid, der stellvertretende Direktor des Museums, erläutert, wieso dieser Sensationsfund fast 37 Jahre lang dort geschlummert hat: ?Es gibt so viele vielversprechende Entdeckungen, dass man sich nicht gleich allen widmen kann”. Neben dem Paläontologen Schoch arbeitete auch die kanadische Kollegin Erin Maxwell an dem Projekt mit. Sie sollen dem Tier nun einen Namen geben, denn noch ist der urzeitliche Meeresbewohner namenlos, da er eine völlig neue Sauerierart und ?gattung darstellt.
Der Fischsaurier lebte vor 175 Millionen Jahren im Opalinuston (Mittlere Jura-Zeit) im sogenannten Braunjura-Meer. Bislang galt diese Zeit als ?Saurier-frei?, doch der Beweis, dass die Tiere damals noch nicht ausgestorben waren, liegt mit dem Fossil nun vor. Der Körperbau der Fischsaurier ähnelt dem von Delfinen: Sie hatten eine lange Schnauze, pampelmusengroße Augen und Flossen vorne, hinten, auf dem Rücken und am Schwanz. Diese haben sich aus Extremitäten entwickelt, die einst Arme und Beine waren. Denn die Ichthyosaurier haben sich, ähnlich wie Wale, nicht ursprünglich im Meer entwickelt, sondern ihre Vorfahren waren Landtiere.
Was sie gefressen haben, lässt sich nicht mehr sagen, da keine Nahrungsreste im Magen gefunden wurden. Die Wissenschaftler gehen aber von kleineren Fischen oder Tintenfischen aus. Außerdem besaßen Fischsaurier laut Schoch ganz besondere und auch merkwürdige Reptilieneigenschaften: Es handelte sich um Warmblüter, die lebende Junge zur Welt brachten. Durch isotopenchemischer Untersuchungen der Zähne wissen die Saurierexperten, dass die Körpertemperatur bei etwa 30 Grad gelegen haben muss. Dass Fischsaurier generell lebendgebärend waren, ist schon länger bekannt, da in einigen Fossilien Embryonen entdeckt wurden.
Mit dem Fund der Meeresechse sei nun eine Lücke geschlossen, sagen die Forscher. Solche Lücken seien aber nichts Besonderes. ?Das wahrscheinlichste ist, dass nichts von den Tieren erhalten bleibt. Die Chance, überhaupt auf ein so gut erhaltenes Exemplar zu stoßen, liegt bei 0,05 Prozent. Deshalb ist dieser Fund für uns wie ein Sechser im Lotto?, erläutert Schoch. ?Dadurch ergeben sich wichtige Rückschlüsse auf die Evolution dieser Tiere, doch der Stammbaum wird damit immer komplizierter, da alte Theorien manchmal umgeworfen werden müssen?, ergänzt der Paläontologe. Die nächsten Schritte werden nun die Namensgebung und die weitere Präparation sein. Im September und Oktober wird das Fossil dann im Naturkundemuseum zu bestaunen sein.
© wissenschaft.de – Gesa Seidel





