Der Vortrag des Krebsarztes David Crawford von der Universität von Colorado über Prostata-Vorsorgeuntersuchungen war von Anfang an ein Politikum. Noch bevor Crawford auch nur ein Wort über seine Ergebnisse ins Mikrofon gesprochen hatte, verkündete Larry Norton – der amtierende ASCO-Präsident – per Presseerklärung: Crawfords Empfehlungen seien irrelevant für die Frage, ob Prostata-Untersuchungen generell die Überlebensrate von Männern erhöhen. Was war geschehen? Prostata-Krebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Männern. Schon zu Beginn der Krankheit kommt es im Blut des Patienten oft zu einer erhöhten Konzentration des so genannten Prostata-spezifischen Antigens (PSA). Die Vermutung liegt nahe, dass man mit regelmäßigen Untersuchungen auf PSA die Krankheit schon im Frühstadium entdecken und somit Leben retten kann. Mehrere Organisationen empfehlen dies. David Crawford ist der Organisator einer groß angelegten Untersuchung des staatlichen Krebs-Instituts der USA unter Mitwirkung mehrerer Kliniken, die klären soll, ob diese Tests tatsächlich lebensrettend sein können. Denn bisher gibt es dafür keine wissenschaftlich haltbaren Belege. Die ersten Zwischenergebnisse, die Crawford jetzt auf dem ASCO-Kongress präsentierte, zeigen: Zumindest ein Teil der heute üblichen Praxis ist nicht sinnvoll. Bislang wird den Männern empfohlen, sich einmal im Jahr testen zu lassen, egal wie hoch ihr PSA-Wert bei der letzten Untersuchung war. Die vorliegenden Resultate zeigen jedoch: Niedrige PSA-Werte erhöhen sich über einen langen Zeitraum nicht wesentlich. Crawford und seine Mitarbeiter meinen darum: Männer, deren Blut weniger als 1 Nanogramm (milliardstel Gramm) PSA pro Milliliter enthält, können ruhig fünf Jahre bis zur nächsten Vorsorgeuntersuchung warten, und Männer mit weniger als 2 Nanogramm PSA zwei Jahre. Ein Wert von mehr als 4 Nanogramm PSA im Milliliter Blut gilt als Krebsanzeichen. Steven H. Woolf von der Virginia Commonwealth University sprach nach diesem Zwischenbericht laut aus, was viele Krebsforscher und -ärzte denken: Dass die Prostata-Vorsorgeuntersuchungen in ihrer heutigen Form sinnlos sind. „Viele Menschen glauben nicht, dass Vorsorgeuntersuchungen gefährlich sein können – aber sie sind es” , sagte Woolf: „Die Tests sind zu oft fälschlich positiv und zeigen Krebs an, wo keiner ist.” Sein Kollege Daniel P. Petrylak vom Presbyterian Hospital in New York nannte Beispiele: „Weniger als ein Drittel der Männer mit einem PSA-Wert von 4 Nanogramm hat Krebs, und selbst bei einem Wert von 10 ist nur etwa die Hälfte tatsächlich krank.” Dazu kommt, dass der PSA-Wert mit zunehmendem Alter oft ansteigt, ohne dass eine Erkrankung vorliegt. Bei den Patienten, die Krebs haben, zeigen weder der PSA-Test noch eine Gewebeentnahme, ob der Prostata-Krebs gefährlich ist. Vor allem bei älteren Männern stellt gerade diese Krebsform oft keine Lebensgefahr dar. „Die meisten der Richtig-Positiven wären klinisch nie aufgefallen”, sagte Petrylak. So unsicher die Diagnose ist, so drastisch ist die Behandlung. Die häufigsten Methoden sind eine Strahlentherapie oder eine Ausschälung der Prostata. Trotz aller Fortschritte führen diese Therapien immer noch oft zu Verstümmelungen. Je nach Methode und Erfahrung der behandelnden Ärzte werden ein bis zwei Drittel der Patienten impotent und bis zu knapp 50 Prozent inkontinent. Welche der Behandlungsmethoden die effektivste ist, ist unter den Krebsärzten umstritten. „Die meisten Männer wissen gar nichts über die Risiken, die ein solcher Test mit sich bringt”, sagte Woolf. Seine Forderung: „Wir Ärzte müssen die Männer besser beraten. Jedem Patienten muss vor dem Test klar sein, auf was er sich einlässt.”





