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Überraschender Fund im Bernstein
Erde & Umwelt

Überraschender Fund im Bernstein

So könnte der exotische Urzeit-Weberknecht Balticolasma wunderlichi zu Lebzeiten ausgesehen haben. · Foto: Joschua Knüppe

Bernstein wirkt wie eine Zeitkapsel, denn in diesem urzeitlichen Baumharz sind Tiere und Pflanzen vergangener Zeiten über Jahrmillionen konserviert geblieben. Jetzt haben Paläontologen in Bernsteinstücken aus der Ukraine und dem Baltikum eine Tierart entdeckt, die sie in Europa nicht erwartet hätten. Es handelt sich um 35 Millionen Jahre alte Weberknechte aus einer Gruppe, die bislang nur aus Ostasien sowie Nord- und Mittelamerika bekannt war. Typisch für diese exotischen Spinnentiere sind ein auffällig ornamentierter Körper und gitterartige Fortsätze im Kopfbereich. Der erste Nachweis dieser Weberknechte in Europa könnte dabei helfen zu klären, wo die Unterfamilie der Ortholasmatinen ursprünglich entstand – und er schließt eine riesige geografische Lücke.
Autor
Redaktion
30. März 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Weberknechte sind eine artenreiche Gruppe von Spinnentieren, die nahezu weltweit vorkommen und schon vor Millionen Jahren verbreitet waren. Es gibt allerdings eine Weberknecht-Gruppe, die Paläontologen schon länger Rätsel aufgibt: die Ortholasmatinae. „Diese Unterfamilie umfasst einige der am erstaunlichsten aussehenden Weberknechte“, erklären Christian Bartel vom Naturkundemuseum Bamberg und seine Kollegen. „Sie besitzen sehr komplexe und verzweigte Augenhügel in Kombination mit einer einzigartigen mikrostrukturieren Rückenfläche.“ Die gesamte Rückenseite des Körpers ist von Rippen, Dornen und anderen Ornamenten überzogen. Am Kopf tragen diese Weberknechte zudem zahlreiche, teils gitterartige Fortsätze. Das Merkwürdige jedoch: Diese Unterfamilie der Ortholasmatinae kommt zwar in Ostasien sowie in Nord- und Mittelamerika vor. Doch aus Zentralasien und Europa fehlten bisher sowohl heutige als auch fossile Belege für diese Weberknechte. Das warf die Frage auf, wie es zu diesem schwer erklärbaren Verteilungsmister und der großen geografischen Lücke dazwischen kam.

Bernstein-Fossil
Fossil eines weiblichen Exemplars von Balticolasma wunderlichi aus ukrainischem Bernstein. © Jonas Damzen)

Für Europa einzigartig

Jetzt liefern zwei überraschende Funde in 35 Millionen Jahre altem Bernstein eine mögliche Lösung für dieses Rätsel. Bartel und sein Team haben in Bernsteinstücken aus der Ukraine und dem Baltikum zwei Vertreter der Ortholasmatinae entdeckt – es ist der erste Nachweis von Angehörigen dieser Weberknecht-Unterfamilie in Europa. „Der Nachweis eines ortholasmatinen Weberknechts in europäischen Bernsteinvorkommen hat uns überrascht. Offensichtlich waren diese Weberknechte vor 35 Millionen Jahren, zur Zeit des Eozän, deutlich weiter über die Nordhalbkugel der Erde verbreitet als heute“, sagt Bartel. Diese Funde liefern den ersten Beleg dafür, dass es diese Weberknechte im Eozän noch in Europa gab, sie aber dann später ausstarben. Gleichzeitig könnten sie dabei helfen, eine seit langem kontroverse Frage zu klären: Entstand diese Unterfamilie der Weberknechte ursprünglich in der Neuen Welt oder haben sie einen asiatischen Ursprung – bisher gibt es dazu widersprechende Ansichten. „Eine Schlüsselfrage ist daher, ob die neuen Funde eher den asiatischen oder den amerikanischen Ortholasmatinae ähneln“, schreiben die Paläontologen.

Um dies zu klären, durchleuchteten Bartel und sein Team die Bernsteinstücke samt Inhalt mit hochauflösender Computertomografie. Diese Scans erlaubten es, selbst feine Strukturen der Tiere zu erkennen. Dabei zeigte sich, dass die im Bernstein konservierten Tiere Merkmale aufweisen, die so bisher von keinem anderen Angehörigen dieser Weberknecht-Unterfamilie bekannt waren. „Die bei diesen Fossilien beobachtete Strukturierung der Körperoberseite ist einzigartig: Sie besteht aus fadenartigen Strukturen, die ein unregelmäßiges, Pilzfäden ähnliches Netz bilden, sowie aus Gebilden, die an ein Holzscheitlager erinnern, ergänzt durch einige knötchenartige Erhebungen“, beschreiben die Paläontologen das Aussehen der neu entdeckten Weberknechte. „Diese besondere Struktur könnte den Tieren unter ihren spezifischen Lebensbedingungen sowohl mechanische Stabilität als auch Leichtigkeit verliehen haben.“

Einblick in die Herkunft der Ortholasmatinae

Aufgrund der einzigartigen Merkmale ordnen die Paläontologen die Bernstein-Weberknechte einer eigenen Art und sogar eigenen Gattung zu: Balticolasma wunderlichi. Beim Vergleich dieser neuen Art mit den bisher aus Ostasien und Amerika bekannten stellte das Team fest: „Balticolasma wunderlichi scheint den asiatischen Arten näher zu stehen, auch wenn viele seiner Merkmale einen einfacheren Zustand widerspiegeln.“ Dies könnte darauf hindeuten, dass sich die Gruppe der Ortholasmatinae ursprünglich in Asien entwickelt hat – vielleicht sogar im westlichen Asien und Europa. Möglicherweise waren diese Weberknechte vor der Entstehung des Atlantiks über einen Großteil der Nordhalbkugel verbreitet und trennte sich erst, als der Ozean aufriss. Das anschließende Verschwinden der europäischen und zentralasiatischen Vertreter dieser Gruppe könnte durch einen Klimawechsel erklärt werden: „Unserem Modell zufolge starb ein Großteil der wasser- und wärmeliebenden Formen einschließlich der hier beschriebenen Art aus, als das Klima trockener und kälter wurde“, schreiben die Paläontologen. Während die Ortholasmatinae-Weberknechte Ostasiens und Nordamerikas nach Süden ausweichen konnten, gelang dies den europäischen Arten offenbar nicht – und sie starben aus.

Quelle: Christian Bartel (Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns (SNSB) – Naturkundemuseum Bamberg) et al., Acta Palaeontologica Polonica, doi: 10.4202/app.01283.2025

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