Hinter der mit innerer Spannung aufgebauten Untersuchung steht eine Hypothese, die die Forschungsreisen im Kontext geopolitischer Überlegungen sieht. Hier spielt die Kategorie des „Raums“ eine hervorragende Rolle. Quellen sind neben der umfangreichen Literatur Unterlagen des Deutschen Alpenvereins und andere Archivalien sowie die Schriften der Forschungsreisenden selbst. In sechs Hauptkapiteln werden die vielfältigen theoretischen Zugänge aufgedeckt, die Archäologie aus einem dreifachen Blickwinkel besitzt: aus dem des Kulturimperialismus, dem des Orientalismus und dem der vermittelnden Funktion Turfans (Ostturkestans) beim Kulturtransfer zwischen Europa und Ostasien. Den Alpinismus eines Gottfried Merz‧bacher sieht die Autorin vor allem als nostalgisches Abenteurertum bei der Suche nach den letzten weißen Flecken auf der Landkarte.
Der Erste Weltkrieg und der Machtwechsel im Russischen Reich führen zu neuen Reisemotivationen, die vor allem bei dem Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Asmis und dem Bergsteiger und Expeditionsleiter Willi Rickmer Rickmers deutlich werden. Jetzt treten die Geopolitik (künftige Wirtschaftsräume) und ein neuer Rationalismus bei Expeditionen hervor. Damit vollzieht sich an den Beispielen innerhalb von vier Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel von eher rückschauend ausgerichteten Expeditionen zu modernen Forschungsreisen von Fachleuten, die politische Gegebenheiten in Planung und Zielsetzung einbanden.
Einige kritische Bemerkungen seien allerdings angefügt: Der dem spatial turn der Geisteswissenschaften verpflichtete Ansatz hätte durch Berücksichtigung geographischer Literatur vermutlich gewonnen; die theoretischen Konstrukte, die die Analyse leiten, leuchten durchweg ein, wirken aber teilweise mehr der Dramaturgie als der Sache geschuldet. Alexander von Humboldts Russland-Reise wurde nicht von der Kaiserlichen Russischen Geographischen Gesellschaft, sondern vom russischen Finanzminister Graf Kankrin initiiert und hatte eigentlich nur den Ural, nicht Zentralasien als Ziel. Bedauerlicherweise fehlen einige Literaturangaben. Und schließlich: Die globale Vergleichbarkeit bleibt trotz einiger Ausblicke fragwürdig. Trotz dieser kleinen Mängel möchte der Rezensent, der das Buch mit großem Interesse gelesen hat, die Lektüre jedem empfehlen, der selbst raumbezogene Forschungen betreibt.
Rezension: Prof. Dr. Jörg Stadelbauer




