Sind diese Forschungen auch für die europäische Geschichte relevant? Korfmann: Im 3. Jahrtausend befinden wir uns im Vorderen Orient in historischer Zeit. Damit sind chronologische Aussagen möglich. Angesichts der Kulturkontakte, die zwischen dem Vorderen Orient und Europa stattgefunden haben, können die Ergebnisse auch für Europa herangezogen werden. Troia ist der älteste Grabungsplatz, an dem die Chronologie Europas entwickelt wurde: über Export/Import vom Orient bis in unsere Region. Ich wollte eine Feinchronologie für das 3. Jahrtausend erarbeiten. Und zwar an einem kleinen Platz in der Nähe von Troia, um das Material von Troia zum Sprechen zu bringen. Das geschah in den Jahren 1982 bis 1987. Dort haben wir die Chronologie für das frühe Troia I erarbeitet.
Dann kam aber doch der Schritt direkt nach Troia? Korfmann: Um in Troia zu graben, braucht man Unterstützung. Diese erhielt ich anläßlich einer Konferenz in den USA. Da, 1986, kam der erste Anstoß: „Eigentlich sollten Sie in Troia was machen.“ Ich war ja in der Landschaft zugegen, hatte die Leute und das Hintergrundwissen… Die türkische Seite war sofort offen, als man wegen einer Lizenz anfragte. Nun hatte ich meine Grabungen nie als deutsche Unternehmungen aufgefaßt, und meine Grabungsmannschaft war immer international zusammengesetzt. Ich bin nicht unter nationaler Flagge in die Türkei gezogen, um Archäologie zu betreiben, sondern unter dem Aspekt der Wissenschaftlichkeit…
Warum wurde in Troia 50 Jahre lang nicht gegraben? Korfmann: Wenn einer Troia anfaßt, dann weiß er, daß er eine Verantwortung hat, das, was er macht, der Weltöffentlichkeit zu präsentieren: Ein Jahr Grabung bedeutet zwei, drei Jahre Publikation. Wer in Troia beginnt, sollte auch Erfahrung haben. Das hat man normalerweise im Alter von 55 oder 60 Jahren. Von den professionellen Möglichkeiten wie von der biologischen Logik her traut man sich das dann nicht mehr zu, denn in Troia sollte man mindestens zehn Jahre tätig sein. Ich war damals Anfang 40, und ich hatte genügend Erfahrung, denn ich war von Anfang an in der Feldarchäologie tätig gewesen. Ich konnte also zehn bis 15 Jahre Arbeit in Troia einplanen.
Das Tübinger Troia-Projekt ist bekannt dafür, daß es seine Ergebnisse ungewöhnlich schnell veröffentlicht… Korfmann: Ich konnte mir nur vorstellen, daß von Anfang an parallel publiziert würde. Dazu wurde ein Journal geschaffen, die „Studia Troica“, die jährlich erscheinen. Die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber hat also gut geklappt. Das bedeutet aber auch, daß wir in Troia eine der größten Grabungen haben, die es weltweit gibt: mit jährlich 80 Wissenschaftlern, die die Auswertung sofort, parallel zur Grabung, vornehmen. Unterm Strich kommt das viel billiger, als wenn man die wissenschaftlichen Verluste und finanziellen Kosten in Kauf nimmt, die entstehen, wenn Jahre oder Jahrzehnte später nachgearbeitet werden muß…




