Immanuel Kant gab dieser Physik nicht nur den philosophischen Segen und erhob die in der Wissenschaft benutzte Geometrie in den Rang einer Wahrheit. Der Aufklärer aus Königsberg meinte zudem die Vermutung äußern zu können, „dass die Wissenschaft der Astronomie sich nun im Stadium der Vollendung befinde, dass die Astronomen nun alles wüssten, was sie nur wissen könnten“, wie der britische Ideenhistoriker Isaiah Berlin in seinem Buch über „Die Wurzeln der Romantik“ festhält. Kant frohlockte, „es sei doch eine befriedigende Sache, diese eine Wissenschaft als vollendet abschließen zu können.“
Doch als er diese Sicht seinem Freund Johann Georg Hamann anvertraute, reagierte der heute als „Magus (Magier) des Nordens“ bekannte preußische Philosoph nicht erfreut, sondern höchst wütend. Die Idee, es gebe Fragen, die sich letztgültig und abschließend beantworten ließen, hielt Hamann für bestürzend und schlichtweg dumm. Als früher Vertreter der aufkommenden Romantik trat er der hochmütigen aufklärerischen Attitüde eines allumfassenden Wissens mit dem Hinweis entgegen, dass es Fragen gebe, auf die man mit dem Instrument der Vernunft gar keine Antwort finden könne. Hamann stellte dem rationalen Erklärungswillen seines Königsberger Freundes das wesentlich ältere Interesse an Mythen gegenüber. Denn deren Geschichten hatten den Menschen seit jeher die Möglichkeit gegeben, ihre Wahrnehmung von und Erfahrung mit unaussprechlichen und unsagbaren Geheimnissen der Natur auszudrücken. Mythen setzten Mysterien in künstlerische Bilder und Symbole um, die den Menschen die Geheimnisse der Natur auch ohne Worte zu erschließen vermochten. Für Hamann agierte Gott keinesfalls als Mathematiker oder Geometer, wie Galileo Galilei noch behauptet hatte, sondern als Dichter, wie die Romantiker meinten. Letztere orientierten sich bevorzugt an der Kunst und hatten lange vor Einstein verstanden, dass Theorien als freie Erfindungen eines menschlichen Geistes in die Welt kommen.
Es ist nicht zu glauben, wie lange sich Kants Irrtum der erhofften Vollendung einer Wissenschaft gehalten hat. Dies findet einen Nachklang im Leben von Max Planck, der sich im späten 19. Jahrhundert zum Studium der Physik anmelden wollte. Damals wurde ihm mit höchster Autorität davon abgeraten: Es gebe in der Physik nicht mehr Neues zu finden, denn diese Wissenschaft nähere sich dem Grad der Perfektion, wie ihn die Geometrie des Euklid erreicht habe. Leider hat Planck nicht verraten, was ihn an dieser Aussage zweifeln ließ, und warum er sich trotzdem dem Studium der Wissenschaft zuwandte – die er schließlich vollkommen erneuerte. Man muss Planck als Romantiker sehen, der den Möglichkeiten der Welt zutraute, in Zukunft über jede Wirklichkeit zu triumphieren. Wissenschaft hält den Menschen die Zukunft offen.





